Deutsch-ungarische Beziehungen in Wissenschaft und Forschung
Christine Godknecht
Kultur- und Wissenschaftsattaché
(Auszug aus dem Vortrag gehalten am 19. Oktober 1998 in Szeged)
Ich danke dem Humboldt-Verein Ungarn - Sektion Szeged - für die Einladung, zu Ihnen zu sprechen. Ich möchte mich auf einen kurzen Überblick über unsere Beziehungen in Wissenschaft und Forschung beschränken, weil ich bei Ihnen ja einen guten Teil detaillierter professioneller Kenntnisse voraussetzen kann.
Kurz zur Geschichte:
nach der politischen Wende wurden 1993 und 1995 zwischen den beiden Regierungen die formellen Voraussetzungen für eine Kooperation geschaffen, die zunächst auf der Grundlage vereinbarter Projektlisten funktioniert hatte. Bis dahin gab es bereits zahlreiche fruchtbare Kontakte auf Arbeitsebene zwischen Universitäten und Instituten. Bereits 1987 unterzeichneten die Außenminister das sog. WTZ (Wissenschaftlich-technologische Zusammenarbeit)-Abkommen, das zur Schaffung einer "Gemischten Kommission für wissenschaft-lich-technologische Zusammenarbeit" führte und die Zusammenarbeit besonders auch zwischen dem ungarischen Regierungsamt für Forschung und Technologische Entwicklung (OMFB) und dem deutschen Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF) nach der Wende aktivierte. Auf der "Grundlage von Gleichberechtigung, Gegenseitigkeit und gegenseitigem Nutzen" wurden folgende Ziele im WTZ-Abkommen definiert:
Organisation und Durchführung von wissen-schaftlichen Veranstaltungen, Austausch von Delegationen und Experten, Gemeinsame Nutzung von wissenschaftlich-technologischen Einrichtun-gen, Durchführung von gemeinsamen Vorhaben auf dem Gebiet der Grundlagenforschung, der angewandten Forschung sowie der technologischen Entwicklung, Austausch von Informationen und Publikationen.
Das Abkommen wurde seitdem intensiv mit Leben erfüllt. Die Kommission hat bisher siebenmal abwechselnd in Ungarn und Deutschland getagt und dafür gesorgt, daß die Zusammenarbeit sich lebendig, den Erfordernissen der Gesellschaft und dem veränderten politischen Umfeld entsprechend, weiterentwickelt. Die Bilanz der WTZ-Kooperation, gezogen nach 10 Jahren auf dem aus diesem Anlaß 1997 in Bonn veranstalteten gemeinsamen Deutsch-Ungarischen Wissenschafts-forum unter Beteiligung von Wirtschaftsvertretern, war äußerst positiv und motivierte zur Fort-setzung der Anstrengungen. Im sog. Faktenbericht des BMBF für 1998 wird die Forschungs- und Entwicklungszusammenarbeit mit Ungarn (neben Polen) als besonders erfreulich und erfolgreich bewertet. Bei den Experten in Deutschland herrscht inzwischen die Überzeugung, daß an die Stelle des anfänglichen einseitigen Transfercharakters unserer Zusammenarbeit eine partnerschaftliche Beziehung zu gegenseitigem Nutzen getreten ist, sei es in der Wirtschaft wie in Wissenschaft und Bildung.
Es wurden zahlreiche (ca. 200) Forschungs- und Entwicklungsprojekte mit einer durchschnittlichen Laufzeit von 3 Jahren durchgeführt, deren Themen sich nach gemeinsam definierten prioritären Bereichen richten. Diese sind: Materialwissen-schaften, Energietechnik, Informationstechnik, Biotechnologie und Umweltforschung, physika-lische und mathematische Grundlagenforschung, Agrartechnik, Pflanzen- und Tierproduktion, Lebensmitteltechnologie, Herz-Kreislauferkran-kungen, nicht invasive Methoden der Diagnostik und Therapie bei Tumoren, HIV-Infektionen, sozialwissenschaftliche und ökonomische Untersuchungen. In diesem Jahr wird es ca. 100 laufende bilaterale Projekte geben. Zu den bereits existierenden kommen neue hinzu. Wie Sie sehen, erhielt nicht nur die Grundlagenforschung, sondern auch die besonders für die wirtschaftliche Ent-wicklung kürzerfristig wichtige angewandte Forschung einen hohen Stellenwert. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf die erfolgreiche Errichtung der Zoltán-Bay-Stiftung unter Leitung von Prof. Pungor (die in diesen Tagen ihr 5jähriges Bestehen feiert) in Zusammenarbeit mit der Fraunhofer Stiftung mit ihren bisher drei Institut
en für Materialforschung in Budapest, Biotechnologie in Szeged und für Logistik und Produktionssyteme in Miskolc.
Auch das 1994 neu gefaßte Abkommen über kulturelle Zusammenarbeit enthält für die Hochschul-Wissenschaft und-Forschung wichtige relevante Passagen auf dem Gebiet der akademischen Bildung; dazu zählen Projekte der Akademischen Austauschprogramme, Stipendien und gemeinsame Forschungsprojekte mit Förde-rung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), des Deutschen Akademischen Austausch-dienstes (DAAD), der Max-Planck-Gesellschaft, natürlich der Alexander von Humboldt-Stiftung, der Hochschulrektoren-Konferenz und anderen. Die Gesamtzahl der ungarischer Alexander von Humboldt-Stipendiaten betrug rd. 400 Wissen-schaftler. Sie wissen, daß besonders Ungarn sich viele der international renommierten Humboldt-Preise geholt hat. Die Deutsche Forschungs-gemeinschaft führt seit 1979 mit der Ungarischen Akademie der Wissenschaften pro Jahr ca. 10 - 25 Kooperationsprojekte mit einem Wissenschaft-eraustausch von 100 Wissenschaftlern durch. Sie fördert auch Hochschulbibliotheken.
Intensive Zusammenarbeit findet mit deutschen Forschungseinrichtungen wie der Kernforschungs-anstalt Jülich statt, wobei sich in den letzten Jahren die Tendenz zu stärkerer Zusammenarbeit zwischen den Universitäten und Instituten abzeichnet. Für die zukünftige Zusammenarbeit relevant ist der Konsens unter den Verantwortlichen in Deutschland, die staatlich unterstützten deu-tschen Forschungszentren in wettbewerbliche Strukturen zu überführen und eine größere Eigenverantwortung durch flexiblere Haushalts-führung und Verbesserung der Qualität durch Wettbewerb zu erzielen. Für die Zusammenarbeit mit dem Ausland sind Großforschungseinrich-tungen in einem "Ausschuß zur Koordinierung der Auslandsarbeit" zusammengeschlossen, die DFG ist nationales Mitglied in dem 23 Mitgliedländer zählenden "International Council of Scientific Unions", der DAAD, als gemeinsame Einrichtung der deutschen Universitäten zur Förderung des internationalen Austausches von Studenten und Wissenschaftlern, hat Außenstellen in vielen Großstädten der Welt; und hoffentlich eines Tages auch in Budapest, obwohl im Augenblick der ungarische Stipendienausschuß (MÖB) im Bildungsministerium eine DAAD-Außenstelle effizient ersetzt und jährlich mehrere Hundert Stipendien unterschiedlicher Art und Dauer hervorragend verwaltet und koordiniert. Themen und Rahmen für die Wissenschaftleraustausch-Programme des BMBF, durchgeführt in Zusammenarbeit mit dem OMFB oder DAAD-MÖB, besonders für das im Jahre 1997 zum erstenmal aufgelegte projektgebundene Programm des BMBF werden jährlich zwischen den deutschen und ungarischen Vertretern neu evaluiert, verbessert und den sich ändernden Bedingungen angepaßt. Der DAAD fördert neben den Stipendien zahlreiche Hochschulpartnerschaf-ten. Nach letzten Zahlen aus 1995 betrug die Zahl der von DAAD geförderten Hochschul-partnerschaften 54. In ihrem Rahmen erhielten 288 ungarische Hochschuldozenten und 65 jüngere Wissenschaftler in Deutschland sowie 148 deutsche Hochschuldozenten und 87 jüngere Doktoranden und Wissenschaftler eine Förderung.
Vom DAAD geförderte deutsche Studiengänge werden an der Budapester Technischen und an der Wirtschaftsuniversität angeboten und schließen jeweils ein Semester an der TU Karlsruhe bzw. Uni. Passau ein.
Sowohl Humboldt-Stiftung wie auch DAAD fördern nach Rückkehr der postgraduierten Stipendiaten in vielen Fällen durch aufwendige Gerätespenden an ihre Universitätsinstitute die weitere Forschungstätigkeit in Ungarn.
Das Collegium Budapest, 1992 nach dem Muster des Berliner Wissenschaftskollegs in einem in Ungarn gestifteten historischen Gebäude auf dem Burgberg gegründet und von mehreren deutschen Bundesländern sowie europäischen Staaten, darunter Frankreich, Holland, Schweiz, unterstützt, gibt herausragenden Forschern die Möglichkeit, mit Hilfe eines 1-2jährigen Stipendiums im geistes- und naturwissenschaftlichem Bereich interdisziplinär, frei und ohne Ergebniszwang zu forschen. An Seminaren, Workshops, und Vorträgen nehmen international herausragende Wissenschaftler teil. Die zuständigen fördernden Regierungen streben ab 1999 Aufnahme des Collegiums in den 5. EU-Rahmenplan als "Center of Excellence" und damit Übernahme der hohen Kosten durch die EU an.
Ein wichtiges Anliegen unserer Forschungs- und Entwicklungskooperation ist die Einbeziehung der Industrie. Die Bundesrepublik unterstützt die Umgestaltung der ungarischen Forschungs- und Technologielandschaft im Rahmen ihres TRANSFORM-Programms zur Unterstützung der wirtschaftlichen Restrukturierung der mittelost-europäischen Länder (MOEL) und zur Vorbereitung auf den Wettbewerbsdruck in der EU mit dem Ziel des verstärkten Transfers von Forschungsergebnissen in die wirtschaftliche Anwendung. Im Zuge der Neuorientierung des deutschen TRANSFORM-Programmes sind in diesem Zusammenhang Beratungsprojekte zum Aufbau von Beteiligungskapital-Strukturen für die wichtigen technologieorientierten kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), die als Zulieferer an Großunternehmen fungieren können, aufgelegt worden. Wie Sie wissen, hat Ihr Land vor kurzem ein Gesetz über Beteiligungs-Kapital verab-schiedet. Ungarn entwickelt eine große Zahl von verwertungsrelevanten Forschungsergebnissen im Forschungs- und Entwicklungsbereich. So widmete sich mindestens ein Seminar- und Konsultations-programm diesem Thema. Es wurde von Experten des in diesem Bereich sehr erfahrenen Bundeslandes Sachsen angeboten und führte zu dem gemeinsamen Beschluß, mit dem ungarischen National Business and Innovation Centre (INNOSTART) ein gemeinsames EU-Projekt zum Thema technologieorientierte Unternehmensgrün-dung für Seedfinanzierung zu beantragen.
Im Rahmen des TRANSFORM-Programms wurden mit deutscher Beratung in den vergangenen Jahren zwei sog. Gründerzentren gefördert, die eine geeignete Infrastruktur für junge Unternehmer anbieten. Das Gründerzentrum in Szeged, beherbergt zum Teil über die Grenzen von Ungarn hinaus erfolgreiche junge Unternehmen. Ein zweites derartiges Projekt in Dunaújváros befindet sich noch im Aufbau. Ein Beratungs-projekt für die ungarische Investitions- und Entwicklungsbank (MBFB) für die Abwicklung von Kreditprogrammen für KMU und Infra-strukturmaßnahmen der Kammern wurde geför-dert. Im gesellschaftspolitischen Bereich waren besonders die deutschen politischen Stiftungen Träger zahlreicher Projekte. Sogenannte Verbundprojekte mit ungarischen Partnern, dem Fraunhofer- und dem Bay-Institut wurden gefördert. Die Projekte mußten ihre Anwen-dungsbezogenheit durch einen finanziellen Beitrag der ungarischen Industrie unter Beweis stellen.
Ein Verbundprojekt neueren Datums zwischen der Fraunhofer Gesellschaft und dem Zoltán-Bay-Institut für Materialforschung ist das Laser-Demonstrationszentrum, das am 27. Oktober 1998 in Budapest feierlich eröffnet wurde.
Laut EU-Untersuchungen rangiert Ungarn mit seinen Forschungsleistungen weltweit unter den 20 Spitzenländern. Mit einem so hervorragenden Forscherpotential hat Ungarn natürlich größtes Interesse, Forschungs- und Entwicklungseinheiten der großen internationalen Unternehmen oder Joint-ventures, die hier ansässig sind, nach Ungarn zu ziehen. Die Münchner Firma Knorr-Bremsen investierte zwischen 800-900 Millionen Forint in eine Forschungs- und Entwicklungs-Einheit bei einer Beteiligung des OMFB von 200 Millionen Forint.
Weitere wirtschaftlich relevante Projekte der deutsch-ungarischen WTZ-Zusammenarbeit liegen auf dem Gebiet des Technology Assessment oder Technology Foresight. Die Technologiepotentiale verschiedener Sektoren der Industrie wurden untersucht und die Bewertungsmethoden auch anderen MOEL zugänglich gemacht. Seit Mai 1997 gibt es in Budapest im Rahmen des Programms Forschungskooperation für KMU ein Verbindungsbüro der Arbeitsgemeinschaft Indus-trieller Forschungsvereinigungen (AIF), das sich besonders um innovative KMU kümmert.
Bei unseren bilateralen F- & E-Beziehungen muß auch die intensive Förderung der einzelnen deutschen Bundesländer erwähnt werden. Baden-Württemberg und Bayern haben mit Ungarn Abkommen geschlossen und legen ihre Zusammenarbeit in Gemischten Kommissionen fest.
Im Rahmen der EU haben wir im EUREKA-Programm gemeinsam 11 Projekte durchgeführt und sind Partner in anderen Programmen. Wünschenswert für die Zukunft wären auch Partnerschaften in den PHARE-Twinning-Projekten, sobald "Forschung und Technologie" in das Programm aufgenommen wird. Unterstützung erfährt Ungarn von deutscher Seite bei seinem Aufnahme in den 5. EU-Rahmenplan.
Ein Wort noch zu der Äquivalenzfrage. Das deutsch-ungarische Äquivalenzabkommen vom 24. März 1990 besagt, daß Grade der ungarischen Universitäten in Deutschland geführt werden können bis auf diejenigen, die mit deutschen Berufsbezeichnungen identisch sind. Diese stehen unter dem Vorbehalt besonderer berufsrechtlicher Genehmigungs- und Anzeigeerfordernisse. Hier wird es im Rahmen der EU-Harmonisierung sicher auch durch Angleichung der Curricula noch Entwicklungen geben.
Im Jahre 1997 gab der deutsche Staat 31,5 Mrd. DM für Wissenschaft und Forschung aus und liegt damit unter den G-7 Staaten an 4. Stelle. Der Betrag war für 1998 unverändert. Förderbereiche waren Gentechnologie, Gesundheitsforschung, Umwelt- und Klimaforschung, Informationstechnik, Weltraumforschung und Energieforschung. Ob es hierbei in Zukunft Akzentverschiebungen gibt, kann man noch nicht sagen. Sie wissen, die neuen Koalitionsparteien SPD und Grüne sprechen vom graduellen Ausstieg aus der Kernenergie, Anhebung der Benzinpreise, einer Ökosteuer. Demnach könnte Umwelt- und Energiefor-schungsbereich in Zukunft stärker auch bei unserer F& E-Kooperation in den Vordergrund treten. Grundsätzlich ist jedoch nicht zu erwarten, daß es gravierende Veränderungen in den Forschungs- und Wissenschaftbeziehungen unse-rer beiden Länder geben wird. Dazu sind die Mechanismen, Strukturen und Parameter viel zu stabil, in vielen Jahren gewachsen und bewährt. Unsere Zusammenarbeit in F& E wird sich weiterentwickeln, im EU-Bereich und zur Vorbereitung auf den beitritt Ungarns in den kommenden Jahren sicherlich noch intensivieren. Die Kontinuität unserer Europa-Politik wurde von der neuen Regierung mehrfach bestätigt. Deutschland wird Ungarn sicher auch weiterhin bei seinen Bemühungen um Mitwirkung in europäischen Forschungs- und Förderprogrammen unterstützen.