ALEXANDER VON HUMBOLDT
Man findet in der Geschichte der Wissenschaften kaum eine sympathischere Gestalt, als Alexander von Humboldt. Die in der Natur sichtbaren Erscheinungen beschäftigten die großen Denker vor Humboldt verstreut, ohne jeglichen Zusammenhang im Rahmen der verschiedendsten Wissenschaften. Nur hier und da ist ein anfänglicher Versuch zu erkennen, eine zusammenfassende Beschreibung der sich auf die Erde beziehenden Naturereignisse zu geben.
Vor Humboldt war die Geographie eine einfach beschreibende Wissenschaft, eher eine verbal formulierte Landkarte, ein trockener "Wegweiser", der sich zwar bereits in den Händen der Griechen auf die Bereiche der Charakterzüge von Landschaften, des Volkstums und der historischen Ereignisse ausgedehnt hatte, doch die erste wirkliche, Gründen nachgehende, genauer gesagt: die Gründe aufzeigende Beschreibung blieb der meisterlichen Hand von Humboldt vorbehalten, der damit zum Begründer der modernen Geographie wurde. Die moderne Geographie kann charakterisiert werden als die Wissenschaft, die die ausgewählten Ergebnisse aller anderen Wissenschaften benutzt, um ein richtiges Bild über die Erde zu geben. Man kann also sagen, daß es eine philosophische Wissenschaft ist, die immer Beziehungen wahrnimmt. Sie nimmt die Oberflächengestalt der Erde wahr, die Zustände von sich darauf befindlicher Luft und Wasser, die Erscheinungen der organischen Welt überhaupt und versucht immer, die zwischen all diesen Dingen existierenden kausalen Zusammenhänge aufzudecken. Darin besteht auch gerade die Methode der Wissenschaft. Zuerst erkennen wir ein Gebiet mit all seinen physikalischen Eigenschaften, dann lernen wir alle Lebenserscheinungen dieses Gebietes kennen, und der zwischen diesen beiden erkannte Zusammenhang ist ein Ergebnis der geographischen Wissenschaft. Dies ist die Methode, die Humboldt als erster angewendet hatte und dies ist die Wissenschaft, deren Begründung ewig, unvergänglich mit seinem Namen verknüpft ist.
Ein ziemlich bedeutenden Teil der Welt bereisend, und so in Kenntnis von Meer und Wüste, von Bergen und Ebenen, von kalten Gebieten und heißen Klimazonen, von der unbewohnten Einöde und dem in dichter Besiedlung vorzufindenden, aktivem und zivilisierten Leben, mit dem Wissen von Pflanzen, Tieren, von den Gesetzen der Physik und der Erscheinungen der Kosmographie konnte er ein wunderbar schönes und vollständiges Bild der charakterisierten Gegend zeichnen.
Die Entdeckungsreisenden nach ihm begannen auf einmal die Welt mit anderen Augen zu sehen.Bisher war nur die Ortsbestimmung, das Kartographieren und höchstens noch das einfache Beschreiben der anzutreffenden Tier-, Pflanzen- und humanen Welt Ziel der Reisenden. Von nun an waren Thermometer, der Luftdruckmesser, der Meerestiefenmesser, der Hammer des Geologen, der Kompaß und noch zahlreichen andere Waffen der Wissenschaft unabdingbar in den Händen der Entdeckungsreisenden.
Es ist unmöglich, daß jemand der heute zum Beispiel der Beschreibung "Ansichten der Natur" von Humboldt liest, sich nicht von der ein Genie zeigenden wunderbaren Vollkommenheit mitreißen läßt, mit der er die gesamten Erscheinungen zu einem harmonischen Ganzen vereinen konnte. Mit einigen Pinselstrichen zeichnet er uns das Bild der Einöde, mit ihrem leuchtenden Sternenhimmel, mit ihrem vom Wind aufgewirbelten Staub, mit ihrer kärglichen Vegetation, ihren sonnenbestrahlten Felsen und den sich zwischen diesen versteckenden, einander jagenden Menschen. Diese Beschreibung stellte die kausalen Zusammenhänge des Wahrgenommenen derart natürlich, derart einleuchtend dar, daß man mit aufrichtigem Schmerz seufzt, warum er nicht erneut unter uns sein kann, um heute mit den Mitteln der außerordentlich fortgeschrtittenen Wissenschaft die Erdoberfläche mit der ihm eigenen Sicherheit, mit seiner alles Bisherigen übersteigenden Kunst und seinem alles umfassenden Genius zu beschreiben.
Denn wie jedem Genie, waren auch ihm entschieden künstlerische Fähigkeiten beschieden. Alle wirklich großen Denker, die auf irgendeinem Wissenschaftsgebiet Epochemachendes leisteten, waren der Reihe nach dadurch gekennzeichnet, daß sie ihre wissenschaftlichen Ergebnisse - natürlich entsprechend ihres Wissenschaftsgebietes - in solch künstlerischer, solch einfacher und solch überzeugender Weise darstellen konnten, daß man nahezu geneigt war zu fragen, ob dies nun wirklich diese große Entdeckung gewesen sein sollte. In der Hand eines Genies erscheint selbst die bedeutendste, epochemachende Entdeckung so natürlich, so einfach, so selbstverständlich, daß man beinahe anzweifeln möchte, ob es sich wirklich um die Arbeit einer großen geistigen Schaffenskraft handelt.
Zu seiner Zeit hatte Humboldt gerade deshalb eine solch große Wirkung, weil die leichte, von künstlerischer Vollkommenheit charakterisierte, nie stockende und mit sicherer Hand angefertigte Beschreinbung einfach erstaunlich ist; erstaunlich, wie zu dieser Zeit noch derart unbekannte Erscheinungen verständlich machen und in geographischen Zusammenhang setzen konnte.
Dazu war es natürlich notwendig, daß die Liebe zur Natur auch in ihm ständig gegenwärtig war, daß er seinen Blick auch nicht für nur einen Augenblick von ihr abwendet und vom Auseinanderbrechen eines noch so kleinen Erdklumpen bis zum durch einen Wolkenbruch verursachten Erdrutsch, vom Wühlen eines Wurms bis zum Galopp einer Büffelherde, von Luftzug bis zum Orkan, vom Aufbrechen der Blumenknospen bis zum Ausbruch eines Vulkans alles wahrnahm und es verstand, alles mit dem allgemeinen Bild in Zusammenhang zu bringen, das der wahre und begeisterte Geograph über die Erde geben möchte. Dazu war aber auch nötig, daß er in allem das Schöne sah. Für ihn war die Dämmerung schön und schön war der vom Sturm aufgewühlte Ozean, er fand Genuß beim Anblick des den Himmel schier teilenden Blitzes und beim Anblick des Lichtes eines kleinen Käfers.
Man darf sich nicht wundern, daß ein solcher, alles umfassender Geist, augerüstet mit den damals noch unvollkommenen Waffen der Wissenschaft eine Reihe von oftmals sehr eigentümlichen Fehlern gemacht hat. Vielleicht sein größter Fehler war die Erklärung der Wüstenerscheinung, aber viele Fehler sind in den Erklärungen der Entstehung der Berge, des Wirkens der Vulkane, usw. zu finden. Nun gibt es Menschen, die um keine Fehler zu begehen, kaum zu schreiben und zu sprechen wagen. Sie werden im allgemeinen sehr wenig erfolgreich sein, eine geringe Wirkung haben und beinahe spurlos für die Menschheit verschwinden. Bei ihnen handelt es sich oft um geringere Talente, in deren Hirn nicht die Herrlichkeit des Schaffens an sich, sondern der auf den erzielten Ergebnissen aufbauende Ruhm die Quelle ist, die sie zu neuen Produkten stimuliert. Humboldt dagegen? Er hatte einfach Freude daran, das Beobachtete in seinem Hirn zu ordnen und diese Ordnung in volkommener Form niederzuschreiben. Welch glücklicher Mensch! Er enpfand einen unendlichen Genuß, wenn er etwas Neues wahrnahm, aber es war für ihn vielleicht ein noch beglückenderes Gefühl, wenn er ein harmonisches, vollständiges Bild davon geben konnte, was seine Seele erfüllte. Auch wir weitaus Unbedeutendere erleben manchmal dieses Gefühl. Doch was mußte er fühlen, der wahrscheinlich als erster mit den Augen eines Geographen sah und der auch wirklich mit Künstlerhand schaffen konte!
Man kann sagen, daß er sich nur unter glücklichen Bedingungen zu dem entwickeln konnte, was er war. Doch das ist natürlich! Jeder Denker kann nur unter glücklichen Umständen zur Geltung kommen. Wenn Humboldt Ungar gewesen wäre und seine Werke in ungarischer Sprache geschrieben hätte, wie hätte er die Wirkung auf seine Zeit und die gesamte Wissenschaft haben können, die er hatte, weil er der Menschheit seine Gedanken in zwei großen Sprachen, in Deutsch und Französisch, mitteilen konnte. Doch würde er heute wieder geboren, so ist sicher, daß er das Wissen der Menschheit in einem genauso großen Maß weiterbringen würde, wie er es zu seiner Zeit tat.
Die Zeit Humboldts! Es war eine der größten Epochen aller Zeiten. Er wurde am 14. September 1769 geboren, also im gleichen Jahr wie Napoleon Bonaparte. Doch nicht nur Napoleon, sondern eine ganze Reihe gewaltiger Geister und Persönlichkeiten stand damals auf dem Höhepunkt und begleitete Humboldt sein Leben lang. Es sollen nur einige Namen erwähnt werden. Linné (1707-1778) hatte bereits sein Klassifizierungssystem der Planzen entwickelt, Kant (1724-1804) lehrte bereits seit längerem Philosophie, die Namen von Lessing (1729-1781), Fichte (1762-1814) und Goethe (1749-1832) sind bekannt genug, Washington vollbrachte in Amerika eine der größten Leistungen der Weltgeschichte, Lamarck (1744-1829) vertrat seine Lehre über die Entwicklung der Arten, Cuvier (1769-1832), der im gleichen wie Humboldt geboren wurde, wurde zu einem der Väter von unserer Wissenschaft über die Tierwelt, Euler (1778-1850) und Gauss (1777-1855) trieben die Mathematik, Laplace (1749-1827) die Astronomie, Gay-Lussac (1778-1850) die Physik, Lavoisier (1743-1794) und Davy (1778-1829) die Chemie, Leopold von Buche (1774-1853) die Geologie in gewaltigen Schritten voran. Die sind nur wenige Namen, doch auf jeden Fall ausreichend zur Charakteristik der Epoche. Die Vertreibung der Türken aus Ungarn, die Französische Revolution, die strahlende Entstehung der preußischen Königreichs, die Entwicklung des Russischen Reiches zur Weltmacht, usw., all das sind Ereignisse, die das Verständnis von der Größe der Epochen klarer werden lassen.
In dieser Zeit, mit einem ansehlichen Vermögen in der Hand und als Abkömmling einer vornehmenden Familie, dem auch die fürstlichen Paläste offen standen, ist es kein Wunder, daß Humboldts Genius sich verwirklichen konnte, und er zu einem anziehendsten, idealistischsten und wirkungsvollsten Wisenschaftler aller Zeiten wurde.
Bereits seine Erziehung kann als ideal bezeichnet werden, eine solche, die jedem talentierten Jüngling zuteil werden sollte, sofern es seine Vermögensverhältnise erlauben. Die unteren Klassen absolvierte er frei, Zuhause, die Schulen für die weitere Vervollkommnerung seines Wissens wählte er zur Weiterentwicklung verschiedener Fähigkeiten aus. So konnte sich der große Überblick entwickeln, der der charakteristischste Zug seiner wissenschaftlichen Aktivitäten war. Seine Eltern versuchten zwar zu erreichen, daß er - mit dem Ziel in den Staatsdienst zutreten - ein Studium der Recht aufnehmen sollte, doch der Versuch erwieß sich als erfolglos, da sich die Neigung zu den Naturwissenschaften als größer zeigte. Im Jahre 1788 studierte er an der Universität seiner Heimatstadt Berlin Technologie, Pflanzenkunde, ja sogar um die klassischen griechischen Naturwissenschaftler im Original lesen zu können, auch die griechische Sprache. Im Jahre 1789 studierte er in Göttingen gemeinsam mit Blumenbach Naturwissenschaften. Im Jahre 1790 reiste er in Gesellschaft von Georg Forster durch Holland, Belgien, Frankreich und England, besonders jedoch durch das Tal des Rheins. Über diese Reise berichtete der begeisterte Landschaftsschriftsteller Foster sehr lebendig (Ansichten vom Niederrhein), was sicher auch beitrug, daß auch Humboldt Gefallen daran fand, einen schönen, gründlichen und lehrreichen Bericht über diese Reise anzufertigen. Auch über die ostasiatischen und amerikanischen Kolonien, über die Schönheiten des heißen Klimagürtels hörte er hier zuerst. Dies hatte eine besondere Bedeutung für seine spätere Entwicklung. In Jahre 1791erhielt er an der Freiberger Bergakademie eine ordentliche praktische Ausbildung und trat dann in den Staatsdienst. Über mehrere Jahre hinweg war er in Franken der oberste Bergbaumeister der fränkischen Herzogtümer. Während dieser Zeit bereiste er nahezu ganz Mitteleuropa, um verschiedene Aufgaben zu lösen, Studien anzufertigen oder andere Tätigkeiten auszuüben. Er war in Galizien, in der Lombardei, in der Schweiz und in Paris. An diesen Orten schloß er Bekanntschaft mit mehreren hervorragenden Wissenschaftlern. Gut bekannt wurde er mit Volta in Como, sowie mit Leopold von Buch und dem Botaniker Aimé Bonpland.
Eine bedeutende Wende in seinem Leben tart 1797 ein, als er nach dem Tode seiner Mutter das mütterliche Erbteil erhielt, somit ein großes Vermögen erhielt und aus den Staatsdienst austrat.
Sofort schmiedet er Pläne über große Reisen. Auf jeden Fall wollte er in tropische Gegenden reisen, über deren geographische Verhältnisse in der damaligen Literatur solche seltenen und schwachen Beschreibungen zu finden war, daß Humboldt nahezu spürte, daß er, um das richtige Bild der Erde zeichnen zu können, zuallererst über diese Gegend mit seinem die Natur aufmerksam beobachtenden Auge Erkenntnisse gewinnen muß, eine Gegend, die der wahre Spielplatz der meteorologischen Kräfte ist, wo die Luft die meiste Wärmeenergie in sich aufnimmt, wo die meiste Feuchtigkeit aus dem Wasser der aufgeheizten Ozeane in unsere Atmosphähre gelangt und wo sich die Organismen dicht an dicht an einzelnen wenigen Punkten vorkommen.
In Asien suchte er anfangs das Gebiet, auf dem er die wahre Leitlinie der Geographie finden könnte. Doch der Napoleonischen Kriege wegen war der Osten abgeschnitten. Das war beinahe ein Glücksfall. Die komplizierten asiatischen Verhältnisse hätten unter Benutzung der damaligen Ergebnisse der Wissenschaften im Geiste Humboldts zu einem solch klaren Bild zusammengesetzt werden können, wie es sich aufgrund der Kenntnis der einfacheren amerikanischen Verhältnisse deutlich herausbildete. Unter den damaligen Bedingungen hätte er gerade die Gebiete Asiens nicht sehen können, die zum Zusammensetzen eines einheitlichen Bildes über den Kontinent unbedingt notwendig gewesen wären, ja ohne die sich eine Menge kaum verständlicher Details in seinen Aufzeichnungen angesammelt hätten, hinter denen selbst sein gewaltiges Hirn nicht das zusammenhängende, herrlich einheitliche System gefunden hätte. Denn damals hätte er weder die Tiefebene von Turan, Turkestan, die Einöden der Mongolei, noch China, Japan und erst gar nicht Hinterindien gesehen.
Humboldt hatt mehr Glück und auch für die Wissenschaft war es ein großes Glück. Als er Madrid war, gewann er mit seinem unendlich liebenswürdigen Auftreten das Wohlwollen der Regierung und ein liberaler Minister erwirkte vom König für ihn die Erlaubnis, daß er mit gemeinsam seinem Freund Aimé Bonpland eine wissenschaftliche Studienreise zu den amerikanischen Kolonien Spaniens unternehmen durften. Ein unerhörtes Glück! Diese außerordentlich interessanten und wissenschaftlich wenig erschlossenen bekannten Gebiete waren von Fremden derart hermetisch abgeriegelt, als wenn sie was weiß ich für gewaltige, geheim gehaltene Schätze bergen würden. Dabei handelte es sich bei ihnen um kaum bewohnte, nur in kleinstem Maß unter Kolonialherrschaft stehende, im wesentlichen nur aufgrund von Legenden bekannte gewaltige Gebiete! Selbst noch heute - schauen wir nur auf eine Landkarte Südamerikas von größerem Maßstab - sind viele Flüsse mit Punkten bezeichnet, von vielen Bergen ist nur bekannt, daß es sie gibt, nicht mehr.
Mit Bonpland, der Botaniker und eine ausgezeichneter Reisegefährte war, wurde die Expedition im freundschaftlichsten Einvernehmen absolviert. Es waren zwei wahre Naturforscher, mit aller Herzensgüte gesegnet, die nur aus der ehrlichen Liebe zur Natur und der begeisterten Neigung zu wissenschaftlicher Forschung stammen konnte.
Schließlich konnte die erste wirkliche wissenschaftliche Expedition am 5. Juni 1799 starten, die Expedition, die der Prototyp für viele andere Forschungen wurde, wie ein erster Spatenstich, zu dem sich in einem unendlichen Prozeß zahlreiche andere gesellen. Neue Methoden, neue Geräte, eine neue Richtung und neue Ideen begleiteten Humboldt, der voll war von Begeisterung, bereit, auch mit den größten Schwierigkeiten zu ringen, und mit beinahe kindlicher Freude seine Reise in die Tropen antreten konnte, auf die er seit Jahren wartete. Zuvor wurde eine solche Expedition noch nie unternommen, obwohl Cook und auch andere das wissenschaftliche Vermögen ihrer Zeit in vollstem Umfange anwendeten, und obwohl - besonder Cook - von sozusagen reinen wissenschaftlichen Zielen gelenkt wurde, doch hielt er sich in erster Linie ein topographisches Ziel vor Augen, nämlich seiner großen Nation mit einer möglichst detaillierten Karte der Inselwelt Ozeaniens zu dienen. Wenn er darüber hinaus auch auf die Besonderheiten der Natur aufmerksam wurde, wenn er die sich auf die dort lebenden Menschen beziehenden Daten aufzeichnete, so hatte er damit ungefähr alles getan, was dem Geist seiner Zeit entsprach. Selbst nach Humboldt gab es noch zahlreiche Menschen, ja es gibt sie auch heute noch, die die Geographie als eine unseelige topographische Datenmenge ansehen und damit das Ansehen dieser herrlichen Wissenschaft verletzen.
Doch begleiten wir Humboldt weiter auf seiner erwähnten Reise. Im spanischen Coruna gingen sie an Bord, legten am 19. Juni an der Insel Teneriffa an und bestiegen hier den Pico de Teydere, was später weltweit berühmt wurde. Humboldt stellte sich hier als ausgezeichneter Bergsteiger vor. Am 16. Juli erreichten sie bei Cumana die amerikanische Küste. Dieser Ort Cumana liegt in Venezuela, westlich vom Delta des Orinoco. Wie unbekannt war diese Gegend den Wissenschaftlern! Im Februar des Jahres 1800 kamen sie in Caracas an, von dort ging es im März weiter in Richtung des Orinoco. Zuerst gelangten sie über die Grassteppen an den Apure, dann - diesen entlang reisend - den Orinoco. Sie wurden von einem konkreten Ziel geleitet: wissen, ob sich das Wassersystem des Amazonas mit dem des Orinoco vereint. Deswegen bewegten sich sich entlang des Orinoco in nördlicher Richtung. Welch herrliche Beschreibungen haben sie und hinterlassen über den Orinoco und seine schönen Wasserfälle! Sie gelangten hoch bis an die Mündung des Atabapo, von wo sie über einen kleinen Festlandsweg zum Rio Negro kamen, der dann in den Amazonas mündet. Auf dem gleichen Wege transportierten sie ihr Boot. Am Rio Negro flußaufwärts reisend erreichten sie den Fluß Cassiquiare, der bereits ein Arm des Orinoco ist und eine bedeutende Wassermenge in den Rio Negro strömen läßt. Auf dem Rückweg gelangten sie auf den ununterbrochenen Wasserwege vom Rio Negro in den unteren Bereich des Orinoco, wodurch die wunderbare Zweiteilung, die Bifurkation zweifellos zur Gewissheit wurde. Das schönste Ergebnis dieser Reise war allerdings die herrliche und zeitlose Charakteristik, die Humboldt über den südamerikanischen Riesenfluß, Urwald und die mit Gras und Büschen bewachsenen Steppen gab.
Im November 1801 reisten sie mit dem Schiff nach Kuba, kehrten jedoch nach einigen, mit Studien verbrachten Monaten wieder nach Südamerika zurück. Auf dem Fluß Magdalena aufwärts fahrend gelangten sie in die herrliche Welt der Anden. In Bogota erreichten sie den ersten hohen Param, eine der im ewigen Frühling blühenden hochgelegenen Ebenen, um die herum die südlicher Gelegenen die Heimat einer großen Kunst und Bildung, der Kultur der Inka, waren.
Über die Kordilleren gelangten sie dann von Bogota nach Quito, mitten unter die Vulkane, wo sie längere Zeit blieben. Ihre Reisen waren im allgemeinen von einer gewissen Ruhe, einer gewissen Langsamkeit gekennzeichnet, die man den heute so nach Rekorden strebenden, schnellen Entdeckungsreisenden zum Vorbild machen sollte. Heute rasen die meisten Reisenden durch die aufzuarbeitende Gegend und nicht die Gründlichkeit, sondern sie zurückgelegte Kilometerzahl sind das Ziel, sehr zum Leidwesen der Wissenschaft.
Am 23. Juni 1802 stiegen sie am Chimborazora bis in eine Höhe von 5761 Meter, erreichten also nicht den Gipfel. Trotzdem wurde diese Bergtour wegen der ausgezeichneten Beobachtungen weltbekannt und eines der wichtigsten Ereignisse der Wissenschaftsgeschichte. Danach begaben sie sich über die hoch gelegenen Becken erneut in die Ebene des Amazonas, wo die steilen Hänge der Andes von Wäldern des herrlichen Khinabaumes durchzogen sind. Welch eine Freude war es wohl für den Botaniker Bonpland, in dieser wunderbaren Pflanzenwelt die Pflanzenwunder der südamerikanischen Gebirge zu entdecken! Doch zurück in die Berge! Die beiden Forscher reisten wieder durch die Kordilleren nach Lima, wo sie beobachten konnten, wie der Plante Merkur vor der Sonne vorbeizog.
Bei Callao erreichten sie die Küste und erblickten zum ersten Mal den Stillen Ozean. Es folgten wichtige Studien am Ufer, dann reisten sie von Callao nach Guayaquil, und erreichten von dort aus am 23. März 1803 den Pazifikhafen Mexikos, Acapulco. Beinahe ein gazes Jahr hielten sie sich in diesen außerordentlich interessanten Land, besonders jedoch in seiner Hauptstadt Mexiko, auf. Ihre Aufmerksamkeit widmeten sie vielen Dingen. Wüstenerscheinungen, das Sinken der Temparetur mit größerer Höhe, die dem entsprechende Veränderung der Pflanzenwelt, der Vulkanismus, zum Beispiel die Entstehung des Jorullo, dann historische Denkmäler, die Völker, die neuen Einrichtungen: all diese vereinen sich mittels des wahren geographischen Weitblicks zum einem wunderbaren Gemälde, dessen jedem einzelnen Pinselstrich sie seinen Platz geben möchten, auch wenn es nicht immer gelingt.
In Veracruz, dem Atlantikhafen, nahmen sie Abschied von Mexiko, verweilten kurz in Havanna, dann in Philadelphia und Washington, verließen im Juli 1804 Amerika und kamen glücklich in Bordeaux an.
Welch eine Menge an Beobachtungen und Sammlungen! Was für ein unermeßlicher Schatz für die Menschheit und die Wissenschaft!
Humboldt war kaum nach Hause gekommen, schon trat er die nächste Reise an. Im Frühling 1805 besuchte er seinen Bruder in Italien und unternahm gleichzeitig mit Gay-Lussac eine Studienreise auf den Vesuv. Anschließend reiste er nach Berlin, von dort nach Paris (1808) und begann schließlich in seinem Arbeitszimmer die Ergebnisse aufzuarbeiten. Von 1808 bis 1827 arbeitete er an seinem großen Werk, in seiner Art einzigen, gewaltigen Produkt. Nur in Paris konnte er die technischen und wissenschaftlichen Hilfsmittel finden, die zur Herausgabe seines umfassenden Werkes notwendig waren. Er wollte eine herrlich illustrierte, hervorragend geschrieben, künstlerisch vorgestellte Reisebeschreibung, und diesem Ziel ordnete er sein ganzes Vermögen unter. Insgesamt erschienen 35 Bände, leider war jedoch das Vermögen aufgebraucht und so konnte die zusehr ausgedehnte Arbeit nicht beendet werden. Doch auch so ist wunderbar, was er geschaffen hat. Die ausgezeichnete Arbeit, deren seltene Exemplare nur vereinzelt, in größeren Bibliotheken zu sehen sind, wurde ein Vorbild für alle Zeiten. Die Leserschaft bekam eine komplexe, in volkstümlichem Stil formulierte Reisebeschreibung in die Hand, hauptsächlich in deutscher Sprache. Der Titel dieses seines Hauptwerkes lautet: Voyage aux régions équinoxiales du Nouveau Cintinent fait en 1799, 1800, 1801, 1802, 1803 et 1804 par Alexandre de Humboldt et Aimé Bonpland, rédigé par Alexandre de Humboldt. Paris 1827.
Auch während diese herrliche Arbeit entstand war Humboldt nicht tatenlos, denn 1814 war er als Begleiter des preußischen Königs in England, 1818 begleitete er den König zum Aachener, dann zum Veronaer Kongreß nach Italien.
Zur Herausgabe seines Buches nahm er keine staatliche Unterstützung in Anspruch, doch jetzt brauchte er selber welche. Leider! Es war vorbei mit der Unabhängigkeit, mit der Freiheit. Er war gezwungen, Pflichten zu übernehmen, um eine angemessenes Einkommen zu erwerben, das ein Leben seinen gehobenen Ansprüchen gemäß erlaubte. Auch Paris mußte er verlassen, die Stadt, die er so liebte! Selbst seine deutschen Biographen erkannten an, daß er lieber und auch schöner in französischer Sprache schrieb, als auf Deutsch. Sein Stil, sein ganzes Denken, sein Geschmack stand dem Französischen viel näher, als dem Deutschen.
Er spürte zwar anfangs den bedrückenden Charakter der veränderten Verhältnisse, doch sein beweglicher Geist fand auch hier Möglichkeiten, seinen Ideen treu zu bleiben. Sein Verhalten am Hof als Kammerherr des preußischen Königs war sehr geschickt, er machte sich sehr beliebt und genoß viel Freiheit. Infolge dessen konnte er nicht nur seine Untersuchungen fortsetzen, sondern unterstützte mit großem Einfluß die Wissenschaft in jeder Hinsicht, mit großer Selbstlosigkeit.
Durch seine Verbindungen am Hofe gelang es ihm eine große Reise in den bis dahin noch so unbekannten Osten zu unternehmen. Im Jahre 1827 bat Graf Kankrin, der russische Finanzminister, Humboldt um seine Meinung über die Nutzbarkeit von Platin und bemerkte in seinem Brief, daß es im Uralgebirge viel Interessantes zu untersuchen gäbe. Humboldt gab eine umfassende, von wissenschaftlicher Gründlichkeit zeugende Antwort; wegen seines ungewissen Werte schlug er vor, Platin nicht zur Geldprägung zu benutzen, und schrieb dann, daß er den Ural, den Ararat, sogar die Umgebung des Baikalsees sehr gern sehen würde. Sehr bald traf die Antwort ein, daß der Zar es gern sehen würde, wenn Humboldt eine Reise nach Rußland unternehmen würde. Im Jahre 1829 begab er sich dorthin. Ihm wurde ein strahlender Empfang und eine ausgezeichnete Versorgung zuteil. Gemessen an der amerikanischen Expedition war dies wahrhaft eine Luxusreise. Sie gelangten über den Ural, über Tobolsk zum tschungarischen Berggebiet, besichtigten die Bergwerksgruben im Altaigebirge, reisten dann durch die kirgisische Einöde zum Kaspischen Meer und von dort aus, Tula berührend, zurück nach St. Petersburg.
Zu dieser Zeit war Humboldt bereits 60 Jahre alt. Mit grauem Haar, aber eweglich und mit jugendlicher Kraft und Laune absolvierte er diese Reise, die seinen Gesichtskreis in gewaltigem Maße erweiterte. Leider gelangte er nicht in die Regionen, in denen er die wahren Leitlinien der Geographie Asiens hätte erkennen können. Die Wissenschaft mußte darauf bis Richthofen warten.
Die erwähnte Expedition war seine letzte größere Reise. Von nun an unternahm er nur kleinere Reise, zumeist in politischem Auftrag. Berlin machte er aber zu einem wahrhaft wissenschaftlichen Zentrum, und zwar sowohl für die akademische Wissenschaft, wie auch für die Propagierung der Wissenschaft. Seine Vorträge sind hinsichtlich ihres Inhaltes und ihrer Form von ewigem Wert, und hatten eine derart riesige Wirkung, daß Deutschland seit dieser Zeit in der Geographie die Führungsrolle innehat - wenn auch nicht auf dem Gebiet der Entdeckungen und Expeditionen, wo die Engländer vorn stehen, doch hinsichtlich der theoretischen Wissenschaft auf jeden Fall. Denn die Geographie, als philosophische Zusammenfassung unserer Kenntnisse über die Erde, ist eine der deutschen Denkweise entsprechende Wissenschaft.
Nach dem 60. Lebensjahr begann mit dem Schreiben seines wertvollsten Werkes, des "Kosmos". Leider konnte er es nicht fertigstellen, doch was er bot, ist in jeder Beziehung erstaunlich. Mit herrlicher Einfachheit, Genauigkeit, in beinahe künstlerischer Form faßte er all das zusammen, was man über die Erde damals wußte. Die beiden ersten Bände stellen den einleitenden Teil dar. Dies ist vielleicht das wertvollste, wunderbarste, was Humboldt hinterlassen hat. Die anderen beiden der insgesamt erschienenen vier Bände sind etwa die Hälfte des Hauptteils, doch eine Zusammenfassung von schier unschätzbarem Wert, die wegen ihrer Methode und wissenschaftlichen Kritik für alle Zeiten beispielbegend sein wird. Unsere Wissenschaft hat heut die darin formulierten Ergebnisse weit überflügelt, doch die Methode bleibt auch weiterhin Leitlinie einer jeden geographischen Beschreibung.
Humboldt starb am 6. Mai 1859, also im Alter von 90 Jahren. Sein langes Leben ist eine Epoche gewesen. Vielleicht nicht einmal sein schaffender Geist, nicht einmal seine wissenschaftlichen Ergebnisse, sondern viel eher die auf seine Zeitgenossen und seine Nachfolger ausgeübte gewaltige Wirkung machen ihn zu einem der größten Gestalten der Wissenschaftsgeschichte.
In ihm war nichts von dem Genius der schöpferischen Genies eines Newton, Galilei oder Bólyai, doch es war sein großer Geist, der gemeinsam mit außerordentlichem Fleiß und Begeisterung der Wissenschaft in Wahrheit mehr Nutzen brachte, als es viele schnell auflodernde und ebenso schnell verlöschende Geister taten. Sein individueller Charakter war nicht, wie bei anderen epochemachenden Genies. Ein wahrlicher Höfling, glatt, nett, ergeben und humorvoll, der sehr loben konnte und sich hier und dort anbiederte, wenn es notwendig war. Doch man konnte ihn durchschauen. Außerhalb seiner kleinen Eitelkeit wollte er ernsthaft nur der Wissenschaft dienen. Warum sollte er sich nicht so verhalten, wie es notwendig war, das Wohlwollen der Mächtigen für die Wissenschaft zu erlangen? Warum sollte er anstößig, roh, unbequem sein? Daß dies seine Biographen später als besondere Charakterzüge und interessante Dinge erwähnen? Es erscheint als kleine Charakterschwäche, doch ich bin geneigt, infolge seiner umfassenden Anschauungsweise, seiner hinsichtlich jeder wissenschaftlichen Bestrebung gezeigten, außerordentlichen Begeisterung, zu glauben, daß er dies bewußt tat, als Opfer auf dem Altar der Wissenschaft. Schaut Euch diesen besessenen Archeologen an, wie glatt und voller Lob er ist, wenn er den Topf aus der Steinzeit dem unwissenden Besitzer des glücklichen Fundes abschwatzt und ihn dann mit unendlicher Freude zu den anderen Schätzen der Nation, ins Museum trägt. Warum freut er sich? Was hat er für einen Nutzen davon? Sein Einkommen steigt um keinen Pfennig, sein Ruhm? Der wird nur verletzt durch die späteren Biographen. Doch der Topf ist gerettet, für die Nation, für die Wissenschaft, für die Menschheit! Und der Archeologe ist glücklich! - Humboldt hat sein ganzes Vermögen der Wissenschaft geopfert, dann, als er vom königlichen Gehalt lebte, dieses Gehalt nach Möglichkeit für die Wissenschaft verwendet, nicht für sich, sondern um Jüngere zu unterstützen. Er war bis an sein Lebensende Junggeselle, bescheiden, weise und ruhig, den nur die Wissenschaft in wahre Begeisterung versetzen konnte; alles andere war ihm nur Mittel zum Zweck! Genies! Nehmt Euch seinen Lebenswandel zum Vorbild, dann bringt ihr der Menschheit viel mehr Nutzen, als wenn ihr verschwindet, wie die hell leuchtenden, doch verglühenden Sterne.
Freiesleben, einer seiner besten Freunde charakterisiert ihn so: "Von unendlicher Güte, gutem Willen und guten Taten beseelt, rücksichtsvoll selbstlos; er hat ein tiefes Gefühl für Freundschaft und Natur; sein ganzes Wesen ist Anspruchslosigkeit, Einfachheit und Offenheit; eine lebendige und interessante Mitteilsamkeit; heiter, humorvoll, manchmal in ein wenig spöttischer Laune. Diese Eigenschaften, die ihm in seinen späteren Jahre eine große Hilfe waren, um die ihn umgebenden wilden und groben Menschen wahrhaft zu bändigen und an sich zu binden, um in der zivilisierten Welt Bewunderung und Mitgefühl hervorzurufen - diese Eigenschaften machten ihn schon in seiner Freiburger Zeit allgemein beliebt und angesehen. Er wollte für jeden das Beste und wußte sich unter allen Umständen angenehm und nützlich zu machen; nur die unmenschliche Grobheit, jeglicher Zorn, Ungerechtigkeit und Rohheit konnten ihn erregen; der Sentimentalismus, den er "Breiigkeit des Gemüts" nannte, und Pedanterie machten ihn ungeduldig."
Es ist bezeichnend für ihn, daß Goethe sich mit Begeisterung über ihn äußerte, während Schiller ein ziemlich hartes Urteil über ihn fällte. Dabei waren sie oft zusammen im Hause von Schiller, der den Bruder von Alexander, Wilhelm von Humboldt um vieles mehr schätzte. Der Grund mag dort liegen, daß Schiller auf keinen Fall mit der kritischen Denkweise des Naturforschers einverstanden war, der jedweden poetischen Gedankengang mit einer Menge von Daten und Zahlen zerstörte, doch mit der größten Kunst die Wahrheit feststellte und formulierte, die Daten zu einem einheitlichen Bild formen konnte, was letztendlich der Beruf des Geographen ist. Er ist für alle Zeiten der Vater der Geographie und Vorbild für jeden wahren, nach Vollkommenheit strebenden und doch produktiven Naturforscher!
Dr. Jenõ Cholnoky