GOETHE UND SEINE ZEIT



Diese Epoche läßt sich am schwersten in soziale Kategorien einordnen. Aufgrund des engen Zusammenhangs der beiden großen Klassiker mit dem Großherzogtum Weimar könnte man sagen, daß diese Epoche die letzte Station der Hofdichtung war, der Übergang in die bürgerliche Zeit. Unter den Schriftstellern findet man viele Abkömmlinge von großbürgerlichen Patrizierfamilien: Goethe selbst, die Gebrüder Schlegel, das Geschwisterpaar Brentano. Goethe ist auch als Person vollkommen höfisch, seine Erziehung besteht darin, vom Angehörigen des dritten Standes zum Hofrath und Minister zu reifen. Gleichzeitig jedoch ist es der unbedeutendste Teil seines Schaffens, den er als Mann des Hofes aus höfischen Anlässen schrieb; mit seinen Werken wendet er sich, genau wie Schiller mit den Seinigen, an die höheren und gebildeteren Schichten des Bürgertums; wie auch zur Zeit der späteren bürgerlichen Literatur spielen kommerzielle Interessen, verlegerische Gesichtspunkte hierbei eine Rolle; Literatur bedeutet bereits ein großes Einkommen, die Summe, die der Cotta-Verlag Goethe im Laufe der Zeit als Honorar zahlt, ist auch gemessen am Einkommen der heutigen westeuropäischen Schrriftsteller als bedeutend zu bezeichnen.

Letztendlich kann der Glanzcharakter der Goethe-Zeit vom literatursoziologischen Standpunkt aus vielleicht damit erklärt werden, daß den Schöpfer die höfischen Gegebenheiten nicht mehr, die bürgerlichen Gegebenheiten noch nicht entscheidend beeinflussen; beide neutralisieren sich auf derart glückliche Weise in diesem beglückenden historischen Augenblick, daß der Dichter an keine soziale Schicht gebunden ist, und dadurch auch vom nationalen Gesichtspunkt aus freier ist, als jemals zuvor; es ist wirkliche “Weltliteratur”, sie gehört sowohl dem Wunsche nach, wie auch in der Realität der gesamten Menschheit. Der Einfluß der Gesellschaft, der Widerstand des literarischen Umfeldes ist jetzt am kleinsten, der Dichter ist nur seinem Geist gegenüber verantwortlich.

Der “Goetheschste“ Zug Goethes ist, wie jederman weis, die Vollständigkeit. Seine Werke sind nicht einzeln, in ihrer geschlossenen Vollkommenheit unsterblich, wie eine griechische Statue, sondern in ihrem Zusammenhang untereinander, wie sie sich in das Ganze einordnen, Teile des Lebenswerkes von Goethe sind. Nicht nur die Werke sind unsterblich, sondern auch der ganze Goethe, zu dem gehört das Gesicht Goethes, das Zimmer Goethes, seine flüchtigen Liebschaften und aufgezeichneten Gespräche, auch seine Besucher und Sekretäre, alles, was mit ihm in Verbindung steht, und vor allem der Kult, der seine Person umfaßte und umfaßt, der jeder Kleinigkeit, die mit dem Namen Goethe in Zusammenhang gebracht werden kann, einen Sinn gibt. Der Goethe-Kult ist eines der schönsten Ergebnisse des deutschen und gemeinsamen europäischen Humanismus: in Goethe ehrt sich der europäische Mensch selbst und steigt zu reinen Höhen auf.

Denn es ist das Geheimnis Goethes, daß wir in irgendeiner Weise alle Teile in ihm sind. Man fühlt, wenn man an ihn denkt, eine eigentümliche, angenehme und beeindruckende Wärme: an ihm lieben wir uns selbst, das was an uns liebenswert ist. Als Goethe nach seinem Besuch bei Napoleon den Saal verließ, rief der Kaiser: “Voilà un homme!”, hier ist ein Mensch - und dies enthält das Wichtigste, was man über Goethe sagen kann. Er war wie ein Mensch; der charakteristischste Vertreter der menschlichen Rasse. Wenn wir einmal aussterben, dann müssen die Marsbewohner aufgrund seiner Andenken die Stärken und Schwächen unserer Rasse studieren.

Über sein Werk kann man ohne seinen Lebenslauf oder zumindest ohne seinen schriftstellerischen Werdegang nicht reden. Auch Goethe selbst hielt sein Leben für wichtiger, als seine Werke, er war kein Sklave seiner Schöpfungen wie Schiller; er schrieb mit höfischer Leichtigkeit, doch auch mit großbürgerlicher Ausdauer. Sein Schaffen sah er einerseits als hochwertige Lebensfunktion, andererseits als Mittel zur Aufzeichnung seines vergehenden Lebens an. Er gehörte zu den sich selbst darstellenden Menschen, zum Typ eines Saint-Simon und Proust. Seine Werke, so sagt er, sind “Bruchstücke einer universellen Beichte”. Alles, was er geschrieben hat, trägt den Charakter von Memoiren, selst auch das, was er im literarischen Sinne nicht “geschrieben”hat. Beinahe krankhaft sammelte er alle Andenken an sein eigenes Leben, er wollte nicht einen einzigen vergangenen Augenblick verlieren. Er kennt jeden Tag der Literaturgeschichte, jeden ihrer Gedanken und denselben Gedanken in vielerlei Formen, wie er sich in verschiedenen Abschnitten seines Lebens gewandelt hat; auch von Gesichtspunkt des Aufgearbeitetseins ist sein Leben das vollkommendste, das er auf diesem Planeten leben konnte.

Der Memoirencharakter, wie auch jeder andere seiner Grundzüge, entwickelte sich in ihm zu etwas völlig Bewußtem und Prinzipiellem, zu einem Dreh- und Angelpunkt seines Systems von Schaffen und Leben. In seine Selbstbiographie wollte er die ganze Welt mit einfließen lassen, alles, was erlebbar und erkennbar ist. Doch alles interessierte ihn nur solange, bis es Teil seiner Memoiren, ein persönliches Erlebnis werden konnte. Die Naturwissenschaften, die größte Neuheit seiner Zeit, interessierten ihn noch mehr, als die Literatur, und auf seine Farbenlehre war er stolzer und empfindlicher, als auf seine Dichtungen. Jedoch verwarf er die Instrumente der Naturwissenschaften; ihn zog nur an, was mit bloßem Auge zu sehen war, was mit der Hand berührt werden konnte und was durch Intuition erkannt werden konnte; gegenüber dem mathematischen Teil und den Laboratorien der Naturwissenschaften verhielt er sich gefühlskalt. Die Naturwissenschaftler sahen in ihm einen Dilettanten, sehr zum Leidwesen Goethes - doch Goethe folgte auch hierin seinen eigenen Gesetzen: die Naturwissenschaft war auch ein Teil seiner Selbstbiographie, die unpersönliche Arbeit des Laboratoriums und der Differentialrechnung lagen aber schon außerhalb des Goetheschen Lebens. Die unpersönlichen und leblosen Wahrheiten blieben ihm fremd; “wahr ist, was fördernd ist”, was unsere Persönlichkeit, unser Leben voranbringt. Für das, was nur Wissen, nur Wahrheit darstellte, hatte Goethe verachtende Worte; das ist nicht mehr Faust’s Reich, sondern das des ehrlichen, dummen Wagner. Doch das persönliche Erlebnis reicht nicht aus; er will jedes Erlebnis in eine objektive Form bringen. Nichts darf verloren werden. Das Goetheische Programm: die ganze Welt, die Vollständigkeit der menschlichen und natürlichen Dinge, durch sich hindurchfiltern und diese dann geistig bereinigt in der Schöpfung zurückgeben.

Johann Wolfgang Goethe wurde 1749 in Frankfurt geboren. Das Vermögen der Familie begründete sein Großvater, ein Schneider; sein Vater war ein untätiger, eigentümlicher Kunstliebhaber. Die ersten, aus der Leipziger Zeit stammenden Dichtungen des jungen Goethe waren Kleinigkeiten im Stil des Rokoko. Seine Jugend bekam im Jahre 1770 die entscheidende Wende in Strasbourg: hier traf er Herder und den Sturm und Drang, und dieses Treffen ließ ihm seine wahren schöpferischen Fähigkeiten bewußt werden. In diesem Finden zu sich selbst wird er sich auch der Traditionen und inneren Gesetze seines Volkes bewußt, wie der Sturm und Drang nach den in französischen Konventionen versteinerten Jahrhunderten auch allgemein das Zu-sich-Finden der deutschen Seele war. In seiner Strasbourger Zeit, im kleinen Sesenheim, machte Goethe auch Bekanntschaft mit seiner ersten großen lyrischen Liebe zu Friderike von Brion, einem Mädchen altdeutscher Einfachheit und mit Herzenstreue; er spürte, daß er sein Leben nicht in den kleinen Kreis des Mädchen einengen darf, verließ Friderike, doch die Erinnerung and die etwas grausame Trennung begleitet ihn noch lange, denn davon handeln Clavigo und Stella, dies beinhaltet die Gestalt Weislingens aus dem Götz von Berlichingen. Der Götz (1773) ist das bezeichnendste Andenken an die Strasbourger Zeit; in ihm schrieb er seine Vision über den rohen, geraden, freiheitliebenden Geist des alten Deutschtums nieder. Dieses Ritterdrama hatte eine nicht zu überschätzende Wirkung auf die Literatur, es wurde Vorfahr einer ganzen Kunstgattung und einer ganzen Weltstimmung, der Ritterromantik.

Im Jahre 1772 nahm er in Wetzlar eine Tätigkeit am Gericht der Reichskammer auf. Hier verliebte er sich in die Braut eines Freundes, in Charlotte Buff; diese Liebe bildet die gefühlsmäßige Grundlage des Werkes, das Goethes Weltruhm begründete: Die Leiden des jungen Werther (1774). Der in Briefform geschriebene Roman ist das größte literarische Andenken an die sentimentale Epoche. Der werthersche Sentimentalismus ist eine kompliziertere seelische Erscheinung von höherem Range, als der moralische Sentimentalismus von Richardson und Marivaux. Er trägt in sich auch den Natursentimentalismus von Rousseau, und darüber hinaus die außerordentlich feine, an die Selbstbetrachtung gewöhnte Psyche des deutschen Pietismus. Mehr als alle anderen Gestalten Goethes gehört Werther dem Gemein: er drückt die Gedanken und Gefühle vieler Zeitgenossen, des die gesamte Welt umfassenden geheimen Bündnisses der sentimentalen Menschen aus.

Dieser Geheimbund erkennt, daß die Seele nicht nur unsterblich ist, sondern auch interessant und genußbringend sein kann, die man pflegen und hegen kann, wie eine Blume; es kann Beschäftigung des Menschen sein, eine Seele zu haben. Diese Menschen leben für ihre Seele, untersuchen ihre geheimnisvollen Eigenschaften; Lavater, der Freund des jungen Goethe, begründet mit seiner Physognomie die Psychoforschung. Man schreibt Tagebücher, schließt seelische Freundschaften und führt einen langen und zu Herzen gehenden Briefwechsel. Goethe spricht in seiner Selbstbiographie von einem Menschen, der mit seiner Seele wahrhaft von Haus zu Haus zieht, in seiner Tasche Briefe von Freunden und Tagebücher hat, und von sentimentalen Menschen überall gern gesehen und bewirtet wird. Der Bund der Sentimentalen, die wenigen Auserwählten und Stolzen, die ein warmes Herz haben, stehen der kalten empfindungslosen Welt gegenüber, die sie nicht versteht.

Diese soziale und Zeitstimmung stellt den Hintergrund Werthers dar. Doch in dem Roman ist vielmehr enthalten, als eine schablonenhafte sentimentale Stimmung dieser Zeit, in ihm ist auch die ganze stürmische und geniale Größe des jungen Goethe. Goethe komponierte das Unendliche in den Rahmen des sentimentalen und schmuckvollen Spätrokoko. Werther stirbt nicht, weil man ihn nicht versteht, er stirbt nicht, weil seine Liebe zu Lotte keinen Widerhall findet; Werther muß auf jeden Fall sterben. Er sucht das große Gefühl, die mystische Vereinigung mit dem Universum; zuerst in der Natur, dann in der Liebe und dann, enttäuscht, im Tod (Gundolf). Die Geschichte des anderen, in die Unendlichkeit Verliebten, die Geschichte von Faust beginnt Goethe zur gleichen Zeit zu beschäftigen, als er den Werther schreibt.

Im Jahre 1775 kommt es zu einer neuen Wende in Goethes Leben: auf Einladung des Herzogs Karl August reist er an den Hof nach Weimar, wo er erst unterhaltsamer Freund des Herzogs ist, später jedoch Präsident der Kammer, Adliger (1782) und alles beherrschender Minister wird. Die Jugend des Titans ist zu Ende; er ist Teil der großen politischen Welt, er muß seine lyrische Verinnerlichung verlassen und sich der Welt anpassen - und da Goethe eben Goethe ist, ihre Gesetze zu persönlichen Erlebnissen und mittels der Erlebnisse zu Schöpfungen machen. Bei der Arbeit dieser Umwandlung ist ihm die Liebe seiner ersten Weimarer Jahre, die vornehme Frau von Stein, die in Goethes Augen die Verkörperung der Idee von Zivilisation und Humanität ist, eine große Hilfe. Die Welt der neuen Erlebnisse nimmt ihn derart gefangen, daß er nicht einmal mehr schreibt, bis zu seiner Flucht, seiner Reise nach Italien im Jahre 1786.

Die italienische Landschaft und die lebenden Andenken an die Antike beenden den Prozeß, lassen ihn zu neuen Werken reifen, der in Weimar begann: Goethe ließ den Anarchismus des Sturm und Drang hinter sich und wurde unter klassischem Himmel zum Klassiker.

Der Begründer des deutschen Klassizismus war Johann Joachim Winckelmann (1717-1768). Er fühlte als erster die neue Vision des Griechentums, von der sich der deutsche Klassizismus nährt. Winckelmanns Erleben des Griechentums stammt nicht wie das der Humanisten aus der Literatur, sondern die großen Denkmäler der griechischen bildenden Kunst. Die weiße und ruhige Schönheit der griechischen Skulpturen inspiriert diese Epoche; man wußte noch nicht, daß die griechischen Statuen bunt waren, man nahm noch nicht wahr, was im Griechentum das unruhige, aus Tiefen der Intuition aufsteigende “Dionysische” ist. Dem Griechentum waren nur die appolonischen Züge bekannt. Die Harmonie, das Sichausgleichen der entgegegesetzt wirkenden Kräfte, das Besiegen der wilden Instinkte: diese Idee las der deutsche Klassizismus von den würdigen Göttergesichtern der griechischen Skulpturen.

In Italien reifen zwei herrliche Versdramen des klassischen Goethe, Iphigenie auf Tauris (1787) und Torquato Tasso (1790). Beide Werke sind Dichtungen der Disziplin und der Ordnung. In ihnen ist das Wesen des Goetheischen Humanismus am klarsten zu erkennen: die wilden und aggressiven Kräfte im Menschen treiben ihn immer mehr in die Richtung dieser Kräfte; von diesen Kräften kann sich nur der humane Mensch befreien, der sich selbst besiegt;

Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.

Torquato Tasso ist gleichzeitig auch ein selbstbiographisches Werk; in ihm rechnet Goethe mit seiner titanischen Jugend ab, in dem er den tragischen Zusammenbruch des keine Grenzen kennenden Genies in der Welt, am Hofe und in den höheren und disziplinierten, nach klassizistischem Vorbild erzogenen Schichten der Gesellschaft zeigt. Er selbst geht nicht zugrunde, wie Tasso, wird nicht Selbstmörder, wie Werther. Er sagt seinem titanischen Teil ab, entsagt seiner Jugend und wird ein erwachsener und höfischer Mensch.

Dieses Entsagen muß große Opfer gekostet haben. Nach seiner italienischen Reise schreibt er noch die Römischen Elegien, feiert in ihnen die südliche, gefühlsreiche Liebe, die ihn an Christiane Vulpius, die in sein Haus aufgenommene Arbeitertochter und spätere Ehefrau (1807) bindet. Dann entstehen für eine lange Zeit keine neuen Werke; auch die französische Revolution wirkt störend auf ihn, immer mehr jedoch interessieren ihn die Naturwissenschaften.

Den nächsten Stimulus bekommt er durch die Bekanntschaft mit einem anderen Genie. Die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller dauerte 11 Jahre (1794-1805). Während dieser Zeit schrieb Goethe sein bürgerliches (sogar ein bißchen zu bürgerliches) Epos Hermann und Dorothea (1798), auf Anregung Schillers beendete er seinen "Entwicklungsroman" Wilhlem Meisters Lehrjahre (1796), in dem er darstellt, wie eine junge Seele über die Welt des Theaters humanistisch und hoffähig wird. In dieser Zeit schreibt er auch seine berühmten und volkstümlichen Balladen.

Der älter werdende Goethe wird durch das Treffen mit der nächsten Generation, mit den Romantikern, zu neuen reichen Werken angeregt. Sein Standpunkt zu diesen ist zurückhaltend, wenn nicht gar feindlich; denn diese Neuen zweifeln die Werte der Ordnung und der Disziplin an, die er sich durch zahlreiche Kämpfe, mit dem Preis vieler innerer Opfer zu eigen gemacht hatte. "Klassisch ist, was gesund ist, romantisch, was krank ist", sagt er lustlos. Doch getreu zu sich selbst, darf nichts in ihm fehlen, nicht einmal die Romantik. Er verliebt sich in die den Kreisen der Romantiker nahe stehende Minna Herzlieb, und schreibt den Roman, den die Romantiker schreiben wollten, Die Wahlverwandschaften (1809), den Roman der blinden, vollendeten, mystischen, die Kräfte des Menschen übersteigenden großen Liebe. Er beginnt seine Memoiren zu schreiben, um seine Jugend auferstehen zu lassen und um Hilfe zu rufen: so entsteht das Werk, das der heutige Leser vielleicht mit größtem Genuß lesen kann und aus dem er den Zauber Goethes am stärksten spüren kann: Aus meinem Leben, Dichtung und Wahrheit. Seine Lebensgeschichte erzählt er nur bis zu seinem Eintreffen in Weimar; das Buch wird ergänzt durch die Italienische Reise, den Bericht über seine erste Reise nach Italien.

Die deutschen Romantiker, die nationalen oder französischen Schranken der bisherigen Literaturen hinter sich lassend, wenden sich mit offenem Herzen den bunteren und exotischeren Literaturen zu, und bemühen sich, diese fernen Schätze in ihre Dichtungen mit einfließen zu lassen; der Anziehungskraft der romantischen Epoche nach Verkleidung kann sich auch Goethe nicht widersetzen, als er vor den napoleonischen Kriegen, der Unruhe dem Barbarismus des preußischen Freiheitkampfes und in Gedanken in den patriarchalischen Osten flieht, wie es in unseren Tagen Thomas Mann tut. Das Ergebnis seiner Studien über den Osten und die für Marianne von Willemer empfundene weise und glückliche Liebe ist sein schönster Gedichtzyklus, der West-östliche Diwan; in ihm erstrahlt in dem einen oder anderen Gedicht neben verliebten Kleinigkeiten und bürgerlichen Weisheiten die endgültige und nahezu unerforschbare Erkenntnis über das Geheimnis der Existenz.

Dem folgen die letzten Jahre. In seinem Weimarer Haus hält er nun selbst schon Hof, als Besucher empfängt er die ganze damalige zivilisierte Welt, von amerikanischen Touristen bis zu russischen Großherzoginnen, und jederman ist glücklich, wenn er für kürzere oder längere Zeit in der Nähe des olympischen Greises verweilen kann. Seine Gespräche werden von Eckermann getreu aufgezeichnet, und diese Gespräche sind oftmals noch "Goethescher", als die eigentliche Literatur; obwohl man seit einiger Zeit glaubt, daß sie nicht authentisch sind. Auch das Alter ist dem Liebling der Götter gnädig; im Jahre 1823 hält er um die Hand der 19-jährigen Ulrike von Lewetzow an (die Eltern halten den Altersunterschied für zu groß); er schreibt Liebesgedichte, die wunderbare Marienbader Elegie, und arbeitet in guter Gesundheit an den beiden Werken weiter, die ihn sein ganzes Leben lang beschäftigten, am Wilhelm Meister und am Faust. Im Jahre 1821 stellt er Wihlelm Meisters Wanderjahre fertig, im Jahre 1831 den endgültigen Faust. Das Jahr, mit dem Goethe seinen Faust überlebte, sah er als Geschenk des Schicksals an; in diesem Jahr arbeitete er nicht mehr. Er starb 1832.

Goethe lebt als Autor des Faust im Bewußtsein der Welt. Wie bereits erwähnt, hat er an diesem Werk sein ganzes Leben lang gearbeitet, jede Epoche hinterließ in ihm ihre Spuren, und ist so seine geistige Selbstbiographie, eine wesentlicher Auszug seiner Werke, das höchste Monument seines Gedankenreichtums und seiner künstlerischen Vollkommenheit. Das wirklich Größte ist der erste Teil. Dessen Kern, die Gretchen-Tragödie, brachte er bereits in seiner Sturm-und-Drang-Zeit zu Papier (dies ist der Urfaust, der der Nachwelt in Form einer handschriftlichen Kopie eines Verehrers von Goethe erhalten blieb); diese wird später durch den Vertrag, den Faust mit Mephisto schließt, vertieft und die Walpurgis-Nacht bringt einen metaphysichen Gehalt in die menschliche Tragödie. Der erste Teil des Faust vereint die Großartigkeit beider Goethe in sich: die Genialität des jungen Goethe, seine direkte und erlebnisreiche Beziehung zu den kosmischen Kräften, die auch die allergößten Dichter nur in sehr jungen Jahren in Worte fassen können - und die weise Reife des Mannes Goethe, sein Wissen über den Sinn und die Sinnlosigkeit der Welt.

Der Zauber von Faust I. läßt sich schwer bestimmen, wie allgemein bei wahrer Dichtung. Jede seiner Zeilen ist gefüllt mit komprimierter Lebensweisheit; sooft man ihn auch liest, man stellt immer wieder erstaunt fest, daß er noch schöner ist, als er in der Erinnerung existiert hat. Natürlich hat das Lesen des Faust auch deshalb eine solch große Wirkung auf den Menschen, weil man seine Zeilen ständig zitiert, sie leben in unserem Bewußtsein, und so trifft der Leser ständig Bekannte; es erfaßt einen das Gefühl, als ob man in einer Bildergalerie steht, in der nur solche Gemälde ausgestellt sind, die man als Reproduktionen schon oft bewundert hat. Faust II. ist eine Enttäuschung. Vielleicht haben jene tatsächlich Recht, die sagen, daß Goethe die zweiten Teile des Faust und von Wilhelm Meister geschrieben hat, weil ihm sein Vater in der Kinderzeit angewöhnte, nichts unvollendet zu lassen - also aus bürgerlicher Gewissenhaftigheit. Im zweiten Teil gibt es sehr viele unklare Hinweise, allegorischen Verstand und Mythologie.

Trotzdem ist auch der zweite Teil von Faust notwendig, denn nur so steht die Gestalt von Faust in ihrer Vollkommenheit vor dem Leser. In der Gestalt Fausts sah Sprengler das größte Symbol der westlichen Kultur und hat damit gewiß Recht. Die westliche Kultur wurde vom "faustischen Menschen" aufgebaut: von dem Menschen, den nichts befriedigen kann, der den Pakt mit dem Teufel ruhig unterschreibt, weil er weiß, daß der Augenblick nie kommen kann, an dem er sagen würde: Bleib! - der faustische Mensch der nach Unendlichkeit strebende Wunsch und Wille. In das Durchleben, in den "zeitlosen Augenblick" (Gundolf) will er die Gesamtheit einschließen und er kennt kein Rasten, solange die Ferne winkt. Der naive Teufel, der kleinlich materialistische, umgängliche Mephisto versucht vollkommen umsonst Faust mit Gefühlsfreuden gefangen zu nehmen, diese stellen für Faust einfach keine Versuchungen dar, auch die innige Liebe kann ihn nicht aufhalten: Gretchen leidet im Gefängnis und Faust reitet davon, und im zweiten Teil kann ihn auch der kaiserliche Hof und die zu neuem Leben erweckte griechische Schönheit, Helena, nicht aufhalten.

Und schließlich bleibt er doch stehen. In Goethe beruhigte sich mit der Zeit die faustische, sich nach Unendlichkeit sehnende Unruhe seiner Jugend; ein Untertitel aus Wilhelm Meisters Wanderjahre lautet: Die Entsagenden. Irgendein erreichbares irdisches Ziel muß gefunden werden, damit das Leben nicht völlig sinnlos ist. Der klassische Goethe akzeptiert nicht mehr den Goethe des Strum und Drangs. Aus dem Revolutionär wird nahezu eine Konterrevolutionär, ein Mensch der Ordnung und der ständischen Gesellschaft. Da Faust und Wilhelm Meister Bürger sind, kann auch ihr Lebensziel nichts anderes sein, als das der Bürger: die nutzbringende Arbeit. Wilhelm Meister wird schließlich Wundarzt, um den Leidenden zu helfen, und Faust zwingt das Meer zwischen die Kanäle um den Menschen Raum zum Leben zu schaffen, und als er fühlt, daß er sein Ziel bald erreichen wird, sagt er zum Augenblick: Bleib! Wie Dante und Shakespeare steht auch Goethe an der Grenze zweier Epochen, mit ihm endet die Epoche des höfischen Menschen, und das bürgerliche, sehr bürgerliche, fleißige und pflichtbewußte XIX. Jahrhundert nimmt seinen Anfang.

Schwerer Dienste tägliche Bewahrung,
Sonst bedarf es keiner Offenbarung.

Nähert man sich Goethe ungeduldig oder zu schlechter Stunde, so sind es die bürgerlichen Elemente, die einem am ehesten auffallen. Der große Teil seiner weisen Sprüche und kleinen Gedichte ist von solcher Natur, daß der nüchterne und ein wenig engstirnige Bürger des XIX. Jahrhunderts unter ihnen in jedem Augenblick seines Lebens ein passendes Zitat finden kann. In diesem Sine ist Goethe vielleicht der am ehesten gemeinschaftliche Dichter des Jahrhunderts, er sprach aus und formte in Versen, was jeder Bürger des XIX. Jahrhunderts gleichsam fühlte und dachte. Es gibt keinen anderen Dichter, der so viel Truismus, so viele ewige Wahrheit niederschrieb, wie Goethe. In seiner fürstlichen Art waren ihm auch Banalitäten nicht fremd - vielleicht gehört auch das zu den Vorrechten eines Genies. Zu hunderten formulierte er seine Wahrheiten, die, wären sie nicht von Goethe aufgezeichnet worden, heute wahrscheinlich nur in Gästebüchern von Ausflugorten zu finden wären.

Johann Wolfgang Goethe: Kammerberg bei Eger (Cheb),
Tusche, 190 x 350 mm


Man kann sich vom Verdacht nicht befreien, daß Goethe nicht alles durchdachte, was er niederschrieb, zumindest nicht so ernst, wie seine Leser. Der große Ironiker hat sich im Stillen vielleicht sogar darüber amüsiert, daß die vom Augenblick diktierten kleinen Nichtigkeiten, die er zu hunderten in seine Gedichtsammlung Sprichwörtlich und andere aufnahm, die fromme und spießbürgerliche Nachwelt als endgültige Weisheiten lesen wird:

Lief das Brot, wie die Hasen laufen,
Es kostete viel Schweiß, es zu kaufen.

Wer recht will tun, immer und mit Lust,
Der hege wahre Lieb' in Sinn und Brust.

Ein anderer Dichter hätte diese Späne weggeworfen; Goethe, der große Sparsame, ließ nichts verloren gehen - und lachte über die Nachwelt.

Diese bürgerliche, ja sogar spießbürgerliche Fassade war umso mehr notwendig, denn sie verbarg einen dämonischen Menschen, einen Menschen dessen ursprüngliche Unruhe und ursprüngliche Einsamkeit beinahe schon übermenschlich waren, "der Unmensch ohne Rast und Ruh'". Aus dem betagten Goethe strahlte die eisige Luft der Verschlossenheit und der Gleichgültigkeit, jederman erstarrte in seiner Umgebung (davon handelt das beste Goethe-Buch: Lotte in Weimar von Thomas Mann). Der Mensch, der der menschlichste unter allen Menschen war, entsagte - zur Vollkommenheit gelangt - jeder menschlichen Beziehung. Seine Mutter besuchte er 13 Jahre lang nicht, als seine Frau mit dem Tode rang, gab er sich krank und stand nicht aus seinem Bett auf, seine Nähe legte sich wie ein Berg auf die jungen Dichter, Hölderlin floh wild aus Weimar. Kleist verließ die Stadt mit einer Wunde im Herzen. Die Zugehörigkeit zur nationalen Gemeinschaft akzeptierte er nicht, oft bedauerte er, als deutscher geboren zu sein, während der Befreiungskriege verhielt er sich gleichgültig, mit seinem franzosenfreundlichen Verhalten rief er bei vielen seiner Landsleute schmerzliches Bestürzen hervor. Er war mit niemandem solidarisch, außer mit Schiller, und als Schiller starb, blieb er völlig allein. Die Geschichte seiner Liebschaften bezeugt, daß er nur zum Verlieben fähig war, geliebt hat er jedoch nie. Der für viele so heimische Dichter war eher der “unheimlichste” unter den Schöpfern. Goethe ist in jeder Hinsicht vollkommen und unübertreffbar: sowohl als Mensch der Gemeinschaft, wie auch als einsamster Mensch.

Die unermeßlichen Gegensätze seines Wesens wird ausgeglichen durch seinen inneren, natürlichen Klassizismus. Er hatte keine gespaltene Seele, in seinen Dramen wählte er zumeist - bewußt oder unbewußt - einen friedlichen Schluß, Katastrophen steht er ablehnend gegenüber. Über seine Selbstwidersprüche spannt er ein Netz aus Heiterkeit und Harmonie - dies ist nicht der billige und zufriedene Frieden des Spießbürgers, sondern der schwere und kampfesreiche Triumpf, der die an Ketten gehaltenen Dämonen beherrscht. Doch die Dämonen kommen zuweilen doch zu Wort, ihre Stimme bringt einen gespenstigen Tonfall in die zurückhaltende und weise Musik Goethes; in diesen Zeiten entstehen die erschütterndsten Schöpfungen Goethes, der Gesang der Parks in der Iphigenie, zahlreiche Details aus dem Faust, die großen Hymnen, die Vollendung Tassos und viele, viele ahnungsvolle lyrische Dichtungen.

Dem Überbrücken der Widersprüche dient auch die Ironie Goethes. Da der Goethe-Kult und die Aufarbeitung der Goethe-Literatur von unüberblickbarem Ausmaße an die Tätigkeiten von in der Regel todernsten und die Sätze nur in einer Interpretation verstehenden deutschen Wissenschaftler gebunden ist, wurde im allgemeinen Goethes Ironie nur von wenigen erkannt, obgleich sie eine seiner ausgeprägtesten Charakterzüge ist. Es gibt kaum einen Satz, hinter dem nicht ein beißendes Lächeln versteckt ist. Die Goetheische Ironie ist nicht schneidend oder mörderisch, und steht der Malizität von Swift, Voltaire oder Heine fern - sie ist nicht maliziös, sondern ist sich nur stets der engen Grenzen der menschlichen Realität bewußt. Ihr sind Übertreibungen, Eingebildetsein und geistige Selbstüberschätzung fremd, seine Ironie ist nüchtern, klassisch maßhaltend. Er ist ironisch, weil er nicht mehr, nichts Größeres und Schöneres sagen will, als wahr ist. Denn Goethe schreibt immer Wahres - das ist vielleicht das Größte an ihm.

Die europäische Kultur hat ihm noch mehr zu danken, als seine Werke und das herrliche Andenken an seine menschliche Gestalt; sie hat ihm auch die Idee der Bildung zu danken. Der Begriff der Bildung ist, wie gezeigt wurde, humanistischen Ursprungs; die Humanisten trugen den Begriff der Bildung, zum Teil mit dem Ziel ihr Klassenselbstbewußtsein zu untermauern, in das allgemeine Bewußtsein hinein. Der Rationalismus und die Aufklärung erweiterten diesen Begriff, an die Stelle des Belesenseins setzten sie das Wissen, die Erkenntnis, die Priorität der geistigen Werte, die Naturwissenschaften wurden den klassischen gleichgesetzt. Hinter dem Bildungsbegriff der Aufklärung verbirgt sich noch der flache Utilitarismus: wir sollen uns bilden, um uns und unseren Mitmenschen zu helfen. Die Goethe-Epoche, Winckelmann, Herder, Schiller, W. Humboldt, doch hauptsächlich und endgültig Goethe selbst schließt in den Bildungsbegriff die Landschaft, die bildenden Künste und die Geschichte mit ein, und so formuliert er den tieferen Sinn der Bildung:mittels der geistigen Erlebnisse soll eine reiche und harmonische Persönlichkeit geschaffen werden. Seit Goethe spielt jeder, der sich für einen Kulturmenschen hält, im Kleinen, seiner eigenen Persönlichkeit entsprechend die Rolle Goethes: durchleben, verstehen und - wenn die Fähigkeit gegeben ist - ausdrücken: das ist der Sinn des geistigen Lebens.

Im Vorhergehenden wurde gezeigt, wie die großen Dichterfürsten Cicero, Petrarca, Erasmus, Voltaire, durch ihre Autorität den schriftstellerischen und wissenschaftlichen Stand, dem Menschen des Geistes, Ruhm brachten. Die menschliche Würde, die aus der Persönlichkeit Goethes strömt, hat noch universelleren Charakter. Dadurch, daß Goethe unter uns weilte, bekam jede Bildung Rang und Sinn: wer ein Buch gelesen hat, ein Bild betrachtete, oder sich in den Schönheiten der Landschaft vertieft hat, wird das ein wenig undeutliche Gefühl haben, jetzt im Dienste eines höheren Ziels zu stehen, daß seine Seele gewachsen ist, über einhundert Jahre hindurch teilhat an der Würde Goethes. Über einhundert Jahre hinweg wurden Menschen danach beurteilt, wieweit es ihnen gelang, Goethe zu ähneln.

Diese Zeit ist vorüber: von Goethe hört man immer weniger, je mehr Zeit verstreicht, und den Platz der Bildungsidee haben andere, kämpferische, stammesgebundene Ideen eingenommen. doch Goethe wird nicht veralten, wie auch Dante und Shakespeare noch immer aktuell sind,

Doch ahnt ihr nicht dass er der staub geworden,
Seit solcher frist noch viel für euch verschliesst,

sagte Stefan George; neue Epochen werden kommen und für sich eine neues Goethe-Bild entdecken, wenn die rohe Realität unserer Tage ein unangenehmes und schamvolles historisches Andenken sein wird.

(Auzug aus der Geschichte der Weltliteratur)

(1941)         Antal Szerb