DER SCHRIFTSTELLER ANTAL SZERB (1901-1945) UND SEIN GOETHE-BILD
Antal Szerb
Zu den großen Widersprüchen des Lebens und der Geschichte gehört der Gegensatz zwischen Nation und Menschheit. Ein harmonisches Verhältnis zwischen den beiden Polen wird selten erreicht, viel mehr werden sie gegeneinander ausgespielt. Johann Wolfgang Goethe, dessen 250. Geburtstag dieses Jahr die Menschheit feiert und der das Wort Weltliteratur in die Welt gebracht hat, sowie der ungarische Schriftsteller Antal Szerb, mit dessen Goethe-Aufsatz aus der Geschichte der Weltliteratur der Humboldt-Verein Ungarn den großen Dichter zu ehren gedenkt, bilden in dieser Hinsicht eine Ausnahme.Sie sahen Nation und Menschheit nicht im Gegensatz, sondern in einer Einheit. Der alte Goethe gebrauchte das Wort Weltliteratur in einem Gespräch mit Johann Peter Eckermann am 31. Januar 1827, als er feststelltte: "Nationalliteratur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit." Das war aber keine Verneinung der Nation, im selben Gespräch äußerte er noch Folgendes: "Und wozu wären denn die Poeten, wenn sie bloß die Geschichte eines Historikers wiederholen wollten! Der Dichter muß weiter gehen und uns womöglich etwas Höheres und Besseres geben. Die Charaktere des Sophokles tragen alle etwas von der hohen Seele des großen Dichters, so wie Charaktere des Shakespeare von der seinigen. Und so ist es recht, und so soll man es machen. Ja, Shakespeare geht noch weiter und macht seine Römer zu Engländern, und zwar wieder mit Recht, denn sonst hätte ihn seine Nation nicht verstanden." Als Goethe diese Sätze sagte, herrschte Frieden, allerdings der Friede der Heiligen Allianz, der der Todesstille glich. Etwa hundertzehn Jahre später fing der nicht einmal vierzigjährige Antal Szerb an, die Geschichte jener Weltliteratur zu schreiben, die Goethe im Sinne hatte. Als das Buch gegen Ende des Jahres 1941 in drei Bänden bei dem Budapester Révai Verlag erschien, war der Verfasser genau vierzig Jahre alt, und in der Welt tobte der Krieg. Damals konnte er noch nicht wissen, daß er seinen 44. Geburtstag nicht mehr erleben wird, weil ihn die Gewehrkolben der Wächter gnadenlos niederschlagen werden, wenn er ausgehungert zu schwach wird, den Laufgraben zu graben. Die Zeitverhältnisse drückten dem Buch ihren Stempel auf, es ist nicht optimistisch. Geschichtsphilosophisch ging Szerb wie er selbst im Vorwort bekannte von Oswald Spenglers Der Untergang des Abendlandes aus und sah in der Geschichte der Menschheit und in der Literatur keinen Fortschritt, sondern nur eine Kreisbewegung. Jedoch sind die Erscheinungen widersprüchlich. Szerb folgte dem Ratschlag Goethes, daß der Dichter "etwas Höheres und Besseres geben" soll; das Goethe-Poträt in seiner Geschichte der Weltliteratur entstammte seiner "hohen Seele", er vermochte zu zeigen, daß es möglich ist, sich "von den wilden und agressiven Kräften" zu befreien, wenn man ein Mensch der Humanität ist wie Goethe.
Das Schicksal des ungarischen Schriftstellers Antal Szerb widerspricht dem kategorischen Imperativus seines Schlußgedankens, daß Goethe als Sinnbild der Humanität nicht überholt werden darf. Er wurde am 1. Mai 1901 in der Pester Innenstadt als erster Sohn eines völlig assimilierten jüdischen Geschäftsmanns geboren und nach dem Ritual der römisch-katholischen Kirche getauft. Er maturierte im September 1919 im Gymnasium der Piaristen und verbrachte danach ein Jahr in Graz, um die deutsche Sprache zu üben. Ab 1920 studierte er an der Pester Universität ungarische Sprache und Literatur sowie Germanistik, später auch Anglistik. Bereits 1924 promovierte er mit einer Dissertation über Ferenc Kölcsey, den Dichter der ungarischen Nationalhymne. Da der Vater kein Glück bei den Geschäften hatte, und die Familie kein Vermögen besaß, mußte er ein Lehramt annehmen, er unterrichtete Ungarisch und Englisch zuerst in einer vorstädtischen Schule, ab 1928 in einer höheren Lehranstalt für kaufmännische Berufe. Von der Mitte der zwanziger Jahre an publizierte er regelmäßig seine literaturgeschichtlichen Studien über die ungarische Romantik, über Stefan George, William Blake u. a. sowie seine Erzählungen in den führenden literarischen und geistesgeschichtlichen Zeitschriften wie Nyugat [Westen], Minerva, Magyar Szemle [Ungarische Rundschau], Symposion u. a. m. Mit verschiedenen Stipendien machte er Sudienreisen nach Italien, Paris und England, seine Erlebnisse fanden Niederschlag in seinen beiden Romanen (A Pendragon legenda, 1934 [Die Pendragon-Legende, dt. 1966] und Utas és a holdvilág, 1937 [Der Wanderer und der Mond, dt. 1974]), die spannende Handlungsführung, außerordentliche kulturgeschichtliche Bildung und geistreiche Ironie auszeichnen. 1932 erhielt er nach einem Wettbewerb den Auftrag für eine ungarische Literaturgeschichte (Magyar irodalomtörténet), die 1934 erschien und bis 1943 in 23.000 Exemplaren gedruckt aber 1944 verboten wurde. 1935 veröffentlichte er u. d. T. Hétköznapok és csodák (Werktage und Wunder, dt. 1938) eine sehr informative Darstellung des mondernen französischen, englischen, amerikanischen und deutschen Romans. Nach der Geschichte der Weltliteratur konnte er nur noch ein Buch (A királyné nyaklánca [Die Halskette der Königin], 1943) schreiben, das in Frankreich in den letzten Jahren vor der Revolution spielt, Cagliostro zum Haupthelden hat und romanhaften Stil mit Essayistischem mischt. Neben den eigenen Werken übersetzte er aus dem Englischen, Französischen und Italienischen u. a. Anatole France, Casanova und den holländischen Philosophen Huizinga. Wegen seiner jüdischen Herkunft war ihm aber eine wissenschaftliche Laufbahn verschlossen, mit Hilfe von einflußreichen Gönnern konnte er 1937 an der Szegeder Universität habilitieren, aber auf eine Berufung hatte er keine Hoffnung. Immerhin hatte er jedoch bis 1943 ein Lehramt, welches vielen seiner Zeitgenossen bei der großen Intellektuellenarbeitslosigkeit nur ein Wunschtraum war. Es bot ihm eine Lebenssicherheit, die auf der anderen Seite seinen Willen zum Überleben schwächte. Im Sommer 1944 wurde er zum zweiten Mal zum Arbeitsdienst bestellt und nach Balf bei Ödenburg in ein Lager versetzt. Seine Freunde bereiteten ihm die Flucht vor, aber er lehnte sie ab und fand nach seiner Ermordung am 27. Januar 1945 die Ruhestätte in einem Massengrab.
Obwohl seine Romane und auch die Ungarische Literaturgeschichte nach 1958 mehrmals herausgegben worden sind, gilt die Geschichte der Weltliteratur als sein Hauptwerk. Als er den Auftrag des Révai Verlages annahm, hatte er keine leichte Aufgabe, da einige Jahre früher Mihály Babits, der damals bedeutendste Dichter Ungarns seine Geschichte der europäischen Literatur (1934/35, deutsch 1949) veröffentlicht hatte. Aber das Buch von Babits löste die einzelnen Nationalliteraturen auf und behandelte Werke und Autoren in der strengen Kronologie, ihn interessierte die Einzigartigkeit des Werkes, er kümmerte sich nicht um die Gemeinsamkeit der Richtungen und Bestrebungen. Szerb mischte in seiner eigenen Darstellung die ideen- und stilgeschichtlichen Gesichtspunkte mit denen der Literatursoziologie und behandelte innerhalb der einzelnen Epochen die Autoren der verschiedenen Nationalliteraturen zusammen. So bekommt der Leser einen guten Überblick auch über die Geschichte der englischen, französischen, deutschen, italienischen oder russischen Literatur. Sein Monograph György Poszler (Szerb Antal. - Budapest: Akadémiai Kiadó 1973) charakterisierte sehr treffend die Methode der Geschichte der Weltliteratur, als er darauf hinwies, daß Szerb in den Mittelpunkt seiner Arbeit das mit der genauen Werkinterpretation und dem feinfühligen Psychogramm erarbeitete literaturgeschichtliche Porträt stellte. Sein Stil ist leicht verständlich, unterhaltend und geistreich. Neben Spengler stützte er sich auch auf die bedeutenden Kulturphilosophen seiner Zeit, auf Huizinga, Croce, Ortega und Egon Friedell. In der Geschichte der Literatur zeigte er den Kampf des Geistes gegen die Unterdrückung, den Kampf der Vernunft gegen die Irrationalität, die Sehnsucht der Kunst nach Freiheit und Humanität. In diesem Geist erzog Antal Szerbs annähernd tausend Seiten umfassendes Monumentalwerk über ein halbes Jahrhundert Generationen von ungarischen Intellektuellen.
Ferenc Szász