Die Wissenschaftslandschaft in Südosteuropa steht
seit dem Umbruch von 1989 vor einer Herausforderung, die weit über das
hinausgeht, was in den vorangegangenen anderthalb Jahrhunderten (seit Beginn
der modernen Staats- und Nationsbildung in diesem Raum) an Umstellungen zu
bewältigen war. Der Berliner Politikwissenschaftler Claus Offe hat mit Blick
auf die Transformationsprozesse in den postsozialistischen Ländern einmal von
einem "Dilemma der Gleichzeitigkeit"
gesprochen. Das bezog sich auf den Umstand, dass die postsozialistischen
Gesellschaften mehrere Prozesse, die sich in den heute entwickelten Ländern
über einen langen Zeitraum und sukzessiv vollzogen haben, auf einmal bewältigen
müssen. Spannungen und Konflikte zwischen den Teilzielen sind dabei unvermeidbar.
Die Umgestaltung setzt gleichzeitig auf mehreren Ebenen (Politik, Wirtschaft,
Recht, Kultur und Wissenschaft) an, wobei die einzelnen Prozesse aufeinander
bezogen sind, sich wechselseitig bedingen, verstärken oder blockieren können.
Die meisten Länder im Südosten Europas bilden heute eine Art "Dritter Welt" am Rande
der "Ersten Welt". Sie sind in eine Situation zurückgefallen, die der
Ausgangssituation zu Beginn des Modernisierungsprozesses im 19. Jahrhundert
ähnelt. Aber der Abstand zwischen Erster und Dritter Welt innerhalb Europas hat
sich seither eher vergrößert als verkleinert. Die Ressourcen der
postsozialistischen Länder im Balkanraum (gemeint sind damit die Länder südlich
der Save-Donau-Linie, einschließlich Rumäniens) schwinden von Tag zu Tag. Die
Wirtschaftsleistung gemessen am Bruttosozialprodukt (BSP) liegt mittlerweile
stellenweise unter dem Niveau einer Reihe von afrikanischen und
lateinamerikanischen Entwicklungsstaaten. Die Balkanländer Bosnien-Herzegowina,
Rest- Jugoslawien, Makedonien, Albanien, Bulgarien und Rumänien erzielten 1997
zusammengenommen ein BSP von 65,7 Mrd. US-Dollar. Bei einer Bevölkerung von
49,2 Millionen ergab sich daraus ein Sozialprodukt von 1337 Dollar pro Kopf der
Bevölkerung. Das waren gerade einmal 12% des
BSP im wirtschaftlich schwächsten EU-Land Portugal. Die Menschen auf dem
Balkan lebten damit auf demselben Niveau wie die Gesellschaften in Ägypten,
Algerien, Marokko, Senegal, Jordanien, Ecuador, Guatemala etc. Selbst wenn man berücksichtigt,
dass die Schatten- und Subsistenzwirtschaft in den Statistiken der
südosteuropäischen Länder nicht oder nicht adäquat erfaßt worden ist, bleibt
das Ergebnis desolat.
Die Umstrukturierung der vormals sozialistischen
Bildungs- und Wissenschaftssysteme ist aber nicht nur im Kontext der Systemtransformation,
sondern auch vor dem Hintergrund der Globalisierung sowie der weltweiten
Bestrebungen nach Effizienssteigerung, Vernetzung sowie Kommerzialisierung von Forschung
und Lehre zu sehen. Diese doppelte Herausforderung - Systemtransformation und
Globalisierung - verschärft den Zeitdruck und verengt die Handlungsspielräume.
Der Kampf um die Verteilung knapper Ressourcen, die Um- oder Neubildung von Institutionen
im Wissenschafts- und Bildungsbereich, die Einführung veränderter Formen des
Wissenschaftstransfers und der Wissensvermittlung sowie das Ringen um neue
Inhalte verknüpfen sich zu einem Aufgabenkomplex, der in vielfältigen
Wechselbeziehungen zu den politischen, ökonomischen, rechtlichen und
kulturellen Transformationsprozessen steht. In vielen Ländern der Region
befindensich die Wissenschafts- und Bildungseinrichtungen seit Jahren in einem rasanten
Verfall. In Bulgarien z.B. hat sich die Zahl der im Wissenschaftssektor beschäftigten
Personen von Anfang der 90er bis Ende der 90er Jahre von 91.000 auf 21.000
reduziert. In den von den Krisen und Kriegen der 90er Jahre geschüttelten
Regionen des früheren Jugoslawien (insbesondere in Bosnien-Herzegowina und in Restjugoslawien,
aber auch in Makedonien) und im angrenzenden Albanien ist der Einbruch noch
tiefer und dramatischer. Zehn- oder gar Hunderttausende junger, qualifizierter
Menschen haben Südosteuropa während der vergangenen Jahre verlassen. Der
brain-drain hinterläßt Lücken, die günstigstenfalls im Verlauf von zwei bis
drei Jahrzehnten gefüllt werden können. Vermutlich dauert es länger.
Die in ihrer Heimat verbliebenen
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben tiefe Einschnitte in den
Forschungsbedingungen, im Lebensstandard und im Sozialprestige hinnehmen
müssen. Insbesondere die einst hoch angesehenen Vertreter der Geistes- und
Sozialwissenschaften in den Akademien und Forschungsinstituten sind vo einem
gesellschaftlichen Marginalisierungsprozeß betroffen. Ihre Deutungskompetenz
ging verloren. Mitunter haben sie diesen Verlust durch starres Festhalten an überlebten
Strukturen, Inhalten und persönlichen Netzwerken oder durch geistige
Selbstdiskreditierung mitverschuldet. Man denke in diesem Zusammenhang etwa an
die Mitglieder der Serbischen Akademie der Wissenschaften und an das sog.
Memorandum von 1986.
Gewiß war ein Personalabbau in den vergleichsweise
überdimensionierten sozialistischen Wissenschaftsapparaten unvermeidbar. Auch
westliche Gesellschaften bleiben davon nicht verschont. Der brain-drain und die
Umverteilung von Ressourcen sind ebenfalls nicht auf die postsozialistischen
Staaten beschränkt. Aber sie haben dort eine Dynamik angenommen, die alle Dämme
zu sprengen droht und die in negativer Korrelation zu den aktuellen Herausforderungen
steht.
Zwar sind
eine Reihe neuer Wissenschaftseinrichtungen entstanden; darunter verschiedene Privatuniversitäten,
die auf kommerzieller Basis und/oder mit fremder Unterstützung arbeiten. In
einigen Ländern ist die Zahl der Universitäten sogar hyperinflationär
gestiegen. Wieviele davon auf Dauer überleben können, bleibt abzuwarten. Die
Lage an den staatlichen Universitäten und den Akademien ist desolat. Die
technische Grundausstattung zur Teilnahme an der Globalisierung von
Informations- und Kommunikationsströmen ist mangelhaft. Die Ausstattung mit Literatur ist
mangelhaft. Die Bezahlung der Hochschullehrer ist mangelhaft. Die Ausgangsbedingungen,
die erforderlich sind, um die doppelte Herausforderung - Transformation und
Globalisierung - zu bewältigen, sind gänzlich unzureichend. Deutlich zeichnet
sich eine Trennlinie zwischen den Staaten Ostmitteleuropas und den Staaten
Südosteuropas ab. In Ungarn, Slowenien etc. ist die Situation in den
wissenschaftlichen Institutionen gänzlich anders als in Rest-
Jugoslawien, in Bulgarien und anderen Staaten des Balkanraums.
Dies alles
ist in den Grundzügen hinreichend bekannt und die Kolleginnen und Kollegen aus
den betroffenen Ländern kennen die Details
besser als ich. Ich will es daher mit diesen kurzen Bemerkungen bewenden
lassen.
Was ist zu
tun? Und wie kann der Umgestaltungsprozess von außen gestützt werden?
In der
Vergangenheit standen die bilateralen Beziehungen zwischen einzelnen südosteuropäischen
und einzelnen west- oder mitteleuropäischen Staaten im Vordergrund. Der
Bilateralismus führte zur Konkurrenz auf beiden Seiten und hatmehr als einmal
sowohl die west- und mitteleuropäischen wie auch die südosteuropäischen Staaten
untereinander entzweit. Die Geschichte des . Jahrhunderts bietet dafür
eindrucksvolle Beispiele. So haben sich die deutsche und französische Politik
gegenüber den Donau-Balkan-Staaten in der Zwischenkriegszeit wechselseitig
blockiert. Jeder Vorstoß aus Frankreich (z.B. der Briand- oder Tardieu-Plan)
stieß auf vehemente Ablehnung in Deutschland und umgekehrt. Deutschland und Frankreich
haben sich an der Peripherie Europas in den er und 30er Jahren eine Art
Stellvertreterkrieg geliefert. Er schadete nicht nur den Staaten des
Donau-Balkanraums. Er schadete auch Deutschland und Frankreich, und er
schadete ganz Europa.
Anläßlich der gewaltsamen Desintegration Jugoslawiens Anfang der 90er Jahre
schienen die alten Allianzen und Gegnerschaften noch einmal aufzubrechen. Aber
es blieb eine Episode, denn die internationalen Rahmenbedingungen im Westen
Europas hatten sich mittlerweile grundlegend verändert. Die alten
Gegnerschaften waren der Bereitschaft und dem Willen zur Kooperation gewichen.
Ganz anders
im Südosten, wo die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert akkumulierten
Konfliktpotentiale nach dem Kollaps der sozialistischen Systeme in unerwarteter
Heftigkeit auflebten. Unter dem Eindruck dieser Konvulsionen hat sich im Westen
die Einsicht verfestigt, dass es keine Integration einzelner südosteuropäischer
Staaten in die EU ohne einen innerregionalen Ausgleich in Südosteuropa selbst
geben kann. Die Europäische Union (EU) wird sich nicht mit einer Fülle
ungelöster Nachbarschaftsprobleme belasten. Damit wäre sie auch völlig überfordert.
Eine Wiederholung des Falles Griechenland, das vor gut zwanzig Jahren (unter
gänzlich anderen internationalen Rahmenbedingungen) in die Europäische Gemeinschaft
aufgenommen wurde, wird es nicht geben. Es ist unvorstellbar, dass ein
einzelnes Balkanland im Alleingang die Aufnahme erreicht. Das wäre auch ein
falsches Signal.
Bei der
Annäherung Südosteuropas an West- und Mitteleuropa genießt der innerregionale
Ausgleich hohe Priorität. Er ist die conditio sine qua non für eine
gesamteuropäische Integration. Auch wenn die beteiligten Regierungen die Aufforderung
zur grenzüberschreitenden Kooperation gelegentlich noch als "kolonialistische
Zumutung" des Westens empfinden, führt kein Weg an der Zusammenarbeit mit den
Nachbarn vorbei. Die heutigen Grenzen im Balkanraum, die im wesentlichen im
Jahrzehnt zwischen 1913 und 1923 - zwischen dem Bukarester und dem Lausanner Frieden
- gezogen wurden (sieht man von den jüngsten Veränderungen im früheren
Jugoslawien ab), dürfen künftig nicht mehr als "Eiserner Vorhang", als
unüberwindbare Barrieren fungieren. Aus geschlossenen müssen offene Grenzen
werden. Anderenfalls wird die Region nie zur Ruhe kommen.
Die
Grenzziehung zwischen 1913 und 1923 war nicht nur ein territorialstaatlicher
Abgrenzungsprozess, sondern war verknüpft mit einer Vielzahl von Grenzziehungen
auf unterschiedlichen Ebenen mit unterschiedlicher Zielrichtung (politischer,
wirtschaftlicher, kultureller, symbolischer und mentaler Art). Überall wurde
abgegrenzt und ausgegrenzt. Wissenschaftler haben dabei eine prominente Rolle
gespielt. Sie waren maßgeblich an der Konstruktion der Nationen und der
Erfindung von Traditionen und Mythen beteiligt. Sie haben das "historische
Gedächtnis" bzw. die historischen Phantasien der Gesellschaften mitgestaltet,
haben Stereotypen erfunden und ihnen "akademische Würde" verliehen. Die
Wissenschaftlichen Akademien verstanden sich als nationale Prestigeobjekte und
Agenturen des "nation-building". Sie haben die Nationalisierung der
Wissenschaft und die Abgrenzungen auf allen Ebenen von Wissenschaft und Kultur
mit Energie betrieben. Überall wurden die neuen Nationen zu exklusiven,
geschlossenen Gesellschaften, die von ihrer Konzeption her ebenso pluralismus-
wie demokratiefeindlich waren.
Aber so wie sich die
Wissenschaft während des 19. und . Jahrhunderts in den Dienst der Nation
gestellt hat, so sollte sie nun, im 21. Jahrhundert, eine Mitverantwortung für
die Überwindung der "Grenzen im Kopf"
als Voraussetzung oder Begleitprozess für die Überwindung realexistierender
Territorialgrenzen übernehmen. Gewiß stehen Wissenschaft und Bildung beim Abbau
der Grenzbarrieren nicht an vorderster Stelle. Hier sind zunächstPolitik und
Wirtschaft gefordert. Aber langfristig spielen sie eine wichtige Rolle.
Zumindest wenn die Wissenschaftler ihrer Verantwortung für das Gemeinwesen
gerecht werden. Der Abbau von "Grenzen im Kopf" erfordert die Überwindung der
Nation als geschlossener Gesellschaft, die Dekonstruktion von essentialistisch
und holistisch verstandenen Differenzen, die Infragestellung der Selbst- und
Fremdbilder, die Beförderung von Empathie sowie die Um- oder Neustrukturierung
von Wahrnehmungsmustern und kultureller Codes. Dieser Prozeß setzt sich aus
einer Vielzahl von Teilschritten zusammen. Dazu gehören die kritische
Auseinandersetzung mit der jeweils eigenen Vergangenheit, die Bildung von
gemeinsamen Historikerkommissionen, die völlige Neukonzipierung der
Schulbücher, die Entwicklung neuer Hochschulcurricula, der innerregionale Wissenschaftlerdialog,
der Jugendaustausch und vieles andere mehr.
1999 hat die
Unesco eine Initiative zur Schulbuchrevision auf dem Balkan ins Leben gerufen.
Die Analyse postsozialistischer Schulbücher in verschiedenen Balkanländern hat
die Persistenz nationalistischer Feindbilder und Stereotypen in einem
erschreckenden Ausmaß offengelegt. Der Umbruch Ende der 80er Jahre hat in
dieser Hinsicht wenig verändert. Nur die ideologischen Vorzeichen wurden umgepolt.
In den Schulen und an den Universitäten, in den Medien und in der Belletristik
wurde jahrzehntelang die Saat dessen gesät, was in so blutiger Form im früheren
Jugoslawien aufgebrochen ist. Akademien und Universitäten fungierten wiederholt
als Multiplikatoren von Vorurteilen. Viele Mitglieder der geistigen Eliten
waren aktiv daran beteiligt. Andere hielten sich abseits und zogen sich in
ihren Elfenbeinturm zurück. Aber nur wenige haben der Errichtung mentaler
Barrieren Widerstand entgegengesetzt. (Wir kennen dies zur Genüge auch aus der
deutschen Geschichte.)
Wenn die
Balkanländer (einschließlich ihrer Nachbarn) eine Zukunft haben wollen, die
diesen Namen verdient, muss eine radikale Umkehr eingeleitet werden. Wer
anderes als die geistige Elite sollte diese Umkehr in Gang setzen? Die
Wissenschaftler müssen die Weichen für diese Zukunft stellen. Sowohl in
fachlicher wie in gesellschaftlicher und mentaler Hinsicht. Letzteres gilt
nicht nur die Vertreter der Geistes- und Sozialwissenschaften, sondern für
alle, die das Privileg hatten, eine akademische Ausbildung zu durchlaufen.
Der
akademische Um- oder Neuaufbau in Südosteuropa kann nicht von außen bewältigt,
wohl aber von außen gestützt werden. Die Förderprogramme für die Region - allen
voran der Stabilitätspakt - haben neben der kurz- und mittelfristigen
Aufbauhilfe auch das dezidierte Ziel, einen Beitrag zur langfristigen Konfliktentschärfung
bzw. zur Konfliktprävention zu leisten. Drei Teilziele stehen beim akademischen
Neuaufbau im Vordergrund:
1. die materielle Unterstützung der Wissenschaftseinrichtungen vor Ort zur
Herstellung oder Verbesserung ihrer Funktionsfähigkeit (durch Gerätespenden,
Bücherspenden u.ä.); 2. die internationale bzw. interregionale Vernetzung der Wissenschaftler
und Institutionen durch Auslandsaufenthalte, Kooperationsprogramme, Partnerschaften
usw.; 3. die Initiierung des
innerregionalen Wissenschaftlerdialogs sowie der innerregionalen Wissenschaftskooperation.
Alle drei
Teilziele sind engstens miteinander verknüpft. Der Ausbau der
wissenschaftlichen Infrastruktur ist eine notwendige (wenn auch keine
hinreichende) Voraussetzung, um den Wissenschaftsbetrieb zu konsolidieren sowie
den brain drain aus der Region zu verlangsamen und langfristig zu stoppen. Er
ist zugleich eine unverzichtbare Grundlage für die internationale Vernetzung,
die ihrerseits einen Beitrag zur Bekämpfung des wissenschaftlichen Exodus
leisten soll. Schließlich muss die internationale Vernetzung von einem
innerregionalen Dialog flankiert werden, der die Grundlage für eine gesamteuropäische
Integration schaffen soll.
Im folgenden
wird v.a. von den Punkten 2) und 3) (also von der internationalen Vernetzung
und vom innerregionalen Dialog) die Rede sein.
Bevor wir vom
Anspruch auf Völkerverständigung und interkulturellem Erkenntnisgewinn auf die
Wirklichkeit schließen, muß der Prozeß der Wissensaneignung noch genauer
untersucht werden. Auf welchen Wegen erwerben die Angehörigen verschiedener
Nationen ihr Wissen über andere? Was nehmen sie wahr? Und können sie das, was
sie wahrnehmen, ohne Schwierigkeiten in die eigene Sprache übersetzen? Was
nehmen sie am Fremden nicht wahr. In welchen Argumentations- und
Handlungszusammenhängen wird das erworbene Wissen über andere im eigenen Land
eingesetzt?
Ein
Auslandsaufenthalt während des Studiums oder in der anschließenden
wissenschaftlichen Laufbahn gilt im allgemeinen als probates Mittel zur
Verbesserung der transnationalen Kommunikation und der Horizonterweiterung.
Dies scheint jedoch eher eine Annahme als ein empirisch gesichertes Faktum zu
sein. In der zweiten Hälfte des 19. und den ersten Jahrzehnten des .
Jahrhunderts bildete das Auslandsstudium eine nahezu unverzichtbare
Voraussetzung in der Karriereplanung der südosteuropäischen Eliten. Besonders für
Griechen galt der Auslandsaufenthalt als conditio sine qua non des sozialen
Aufstiegs. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Noch gegen Ende des .
Jahrhunderts war jeder sechste griechische Student an einer ausländischen
Universität immatrikuliert. Ähnliches (wenn auch in quantitativ abgeschwächter
Form) gilt für die anderen Gesellschaften der Region. Die Zahl der Studierenden
im Ausland, ihre Verteilung auf Studienorte und einzelne Fakultäten ist z.T.
gut aufgearbeitet. Aber die mit dem Auslandsauenthalt verbundenen
Transferprozesse und ihre Bedeutung für die inter- oder transkulturelle
Kommunikation sind wenig erforscht. Dabei ist zwischen persönlichem und
gesellschaftlichem Nutzen ebenso zu unterscheiden wie zwischen fachlichem
Zugewinn und Erweiterung des Wahrnehmungshorizonts. Der Nutzen aus der
Aneignung von methodischen und forschungstechnischen Fertigkeiten während des
Auslandsaufenthalts ist weitgehend unstrittig. Aber dies ist nur ein Aspekt
des Fragenkomplexes, ein zugegebenermaßen wichtiger Aspekt. Aber nicht der
einzige.
Ob und
inwieweit der unmittelbare Kontakt mit einer anderen Gesellschaft und die
Auseinandersetzung mit einer anderen Forschungstradition auch zu
Modifizierungen der Denk- und Wahrnehmungsmuster führen, wissen wir dagegen
nicht. Die naheliegende Annahme, daß Studien- und Forschungsaufenthalte die
Weltoffenheit befördern, ist keineswegs bewiesen. Mitunter scheint auch der
gegenteilige Effekt einzutreten. Aus der Diaspora-Forschung ist bekannt, dass
die räumliche Distanz zur eigenen Gesellschaft nicht nur zu einer Erweiterung des
Horizonts, sondern auch zu einer Verdichtung der eigenen Identität, zu einer
Verengung der Perspektiven und der Wahrnehmungsraster führen kann. Die Frage,
ob die südosteuropäischen Gesellschaften durch die Auslandserfahrung eines großen
Teils ihrer Wissenschaftler offener geworden sind, läßt sich beim gegenwärtigen
Kenntnisstand kaum beantworten. Und vermutlich gibt es keine eindeutige
Antwort.
Dennoch darf
über mögliche Verbesserungen von transnationalen Kontakten nachgedacht werden.
Folgende
Punkte bieten sich zur Diskussion an:
1) Die
Förderung durch die Humboldt-Stiftung ist eine Einzelförderung. Das hat zur
Folge, dass die Gastwissenschaftler in sehr unterschiedlichem Ausmaß in hiesige
Strukturen und Diskurse eingebunden werden (bzw. eingebunden werden können).
Oft arbeiten sie ausschließlich an ihren jeweiligen Projekten, werten die
Literatur aus, die ihnen in ihren Heimatländern nicht oder nur bruckstückhaft
zugänglich ist, und knüpfen wissenschaftliche Kontakte. Das ist wichtig. Aber
ist es auch genug? Müßten nicht Anstrengungen unternommen werden, um mit den
Gästen - und hier sind v.a. Gäste aus den Transformationsländern gemeint -
einen Ost-West-Dialog in Gang zu bringen, über Grundsatzfragen der
Wissenschaftsorganisation, des Verhältnisses von Wissenschaft und Gesellschaft,
der Wissenschaftsethik, der interkulturellen Hermeneutik, der Hochschuldidaktik
u.ä. zu diskutieren? Dies kann nur sehr bedingt individuell geleistet werden.
Zu überlegen wäre daher ein Angebot von Gruppenkursen, die speziell zu diesem
Zweck eingerichtet und je nach Frequenz der Gäste ein- oder zweimal im Jahr abgehalten
werden. Mit anderen Worten: Für Gäste aus Transformationsländern sollte ein
spezifisches Zusatzprogramm für ihren Aufenthalt in Deutschland konzipiert werden.
2) Ausgehend
von der Prämisse, dass die Einbeziehung der südosteuropäischen Länder in
europäische Integrationsprozesse nur dann erfolgversprechend ist, wenn die Länder
ihre nachbarschaftlichen Spannungen lösen und zu mehr Kooperation untereinander
bereit sind, sollten Humboldtianer eine Vorreiterrolle im Wissenschaftsbereich übernehmen.
Neben den Humboldt-Clubs in den einzelnen Ländern könnte eine
länderübergreifende Assoziation der Humboldtianer in Südosteuropa mit gemeinsamen
Veranstaltungen gegründet werden. Ich bin mir bewußt, dass die innerregionalen
Kontakte für die Kolleginnen und Kollegen aus diesem Raum nicht denselben Stellenwert
haben wie die Kontakte der einzelnen Länder zum Westen.Wenn jedoch beide
Kontaktebenen miteinander verknüpft sind und die eine Ebene eine Art conditio
sine qua non für die andere Ebene ist, dann fällt dem innerregionalen Dialog
und Diskurs eine wachsende Bedeutung zu. Dafür müssten Mittel bereitgestellt
und Anreize geschaffen werden. 3) Um Nachwuchswissenschaftler zum Bleiben in ihrer Heimat zu motivieren,
könnte über die Einrichtung von Humboldt-Stiftungsprofessuren an
südosteuropäischen Universitäten nachgedacht werden. Zielgruppe sind
Nachwuchswissenschaftler, die noch keine dauerhafte Anstellung haben. Eine
solche Initiative wird mit vielen Problemen konfrontiert sein. Mitunter mag ihre
Realisierung völlig scheitern. Dennoch sollte die Möglichkeit ausgelotet
werden. Mit den finanziellen Mitteln für einen Aufenthalt in Deutschland ließen
sich zwei bis drei Stiftungsprofessuren vor Ort finanzieren. Diese Stellen
könnten über Lehre und Forschung hinaus mit einem spezifischen Projekt (etwa
zur Entwicklung neuer Hochschulcurricula), mit der Etablierung noch nicht vorhandener
Teildisziplinen (z.B. Medienrecht, Kulturwissenschaft o.ä.) oder mit der
Etablierung komparatistischer Fragestellungen und Methoden verbunden sein. (Zur
Komparatistik noch eine kurze Bemerkung am Rande: Der innerregionale Vergleich
ist in Südosteuropa völlig unterbelichtet, was angesichts der zahlreichen
strukturellen Ähnlichkeiten unakzeptabel ist. Hier besteht ein enormer
Nachholbedarf, der aus der bisherigen Fokussierung der Forschung auf Nation und
Nationalstaat resultiert.) Auslandsstipendien bleiben weiterhin unverzichtbar,
aber sie sollten nicht als Sprungbrett für die dauerhafte Emigration verstanden
werden. Einige, besonders begabte Nachwuchswissenschaftler halten sich dank
verschiedener Stipendien oft über Jahre hinweg im Ausland auf, bis sie dort
eine bleibende Beschäftigung finden. So wünschenswert dies für den Einzelnen
sein mag, - den Zielen der Förderprogramme entspricht es nicht. Deshalb muss
über die Sachhilfe hinaus eine stärkere Förderung der Wissenschaftler vor Ort
angestrebt werden, damit der "akademische Neuaufbau" nicht zu einer
akademischen Wüste wird. Stiftungs- oder Innovationsprofessuren bieten sich als
eine Alternative an. 4)
Humboldt-Stipendiaten sollten die Möglichkeit erhalten, in Kooperation mit
deutschen Kollegen graduierte Studentinnen und Studenten aus ihren Ländern zu
gemeinsamen Konferenzen mit hiesigen Partnergruppen zusammenzubringen. Die
Tagungen werden von den beteiligten Hochschullehrern (also vom jeweiligen
Humboldt-Stipendiaten und dem deutschen Kooperationspartner) thematisch ein
Semester lang vorbereitet und dienen dem Austausch der Ergebnisse, der Entwicklung
komparativer Ansätze sowie dem gegenseitigen Kennenlernen der Graduierten.
Statt einer bilateralen könnte auch eine multilaterale Organisationsform ins
Auge gefaßt werden, also die Zusammenführung von kleineren Gruppen aus zwei
oder drei südosteuropäischen Ländern mit einer deutschen Partnergruppe. Der
Dialog bzw. Polylog zwischen fortgeschrittenen Studierenden aus mehreren
Ländern stellt jedenfalls ein Desideratum dar (das durch individuelle
Stipendien über den DAAD nicht behoben werden kann). 5) Es ist zu
prüfen, inwieweit Humboldtianer in die Lage versetzt werden könnten, kleine
Forschergruppen (von 4-6 Personen) vor Ort zu bilden. Aufgabe der Gruppen ist
die Diskussion über wissenschaftliche Grundsatzfragen (keine Detailforschung!)
und über Perspektiven der Wissenschaftsentwicklung im jeweiligen Land unter
besonderer Berücksichtigung interdisziplinärer Schnittstellen. In vielen
Ländern Südosteuropas ist Interdisziplinarität (nach Auskunft dortiger Kolleginnen
und Kollegen) noch weitgehend unbekannt. Hier sollten die Forschergruppen
ansetzen. Die Mitglieder der Gruppe erhalten einen Zuschlag zu ihrem Gehalt in
Höhe von 300 bis 500 DM pro Monat, entsprechend den von Land zu Land unterschiedlichen
Lebensstandards. Mit vergleichsweise bescheidenen Finanzmitteln könnten auf
diese Weise wichtige Wissenschaftsimpulse gegeben werden. Die Forschergruppen
sollten unabhängig von ihrer Universität oder Akademie sein. Ihre Formierung basiert
auf dem Projektantrag eines Humboldtianers, der auch für die Auswahl der
Gruppenmitglieder zuständig ist.
Ich fasse die
Vorschläge noch einmal stichwortartig zusammen:
1) Einrichtung von Kursen für Humboldt-Stipendiaten aus postsozialistischen
Ländern während ihres Aufenthalts in Deutschland;
2) Gründung einer gemeinsamen Assoziation der Humboldt-Clubs in Südosteuropa;
3) die Bereitstellung von Humboldt-Stiftungs- bzw. Innovationsprofessuren;
4) bi- oder multilaterale Kontakte von Graduierten;
5) Einrichtung von Forschergruppen in Südosteuropa unter Leitung von Humboldtianern.
Diesen
Vorschlägen liegen im wesentlichen vier Überlegungen zugrunde:
Erstens die desolate Situation der Wissenschaft in den Balkanländern verlangt
nach raschen Maßnahmen und erfordert neue Formen der Förderung.
Zweitens: die Förderung vor Ort muss gestärkt werden, um die anhaltende Emigration
von Wissenschaftlern zu stoppen. Drittens: die individuelle Förderung sollte
durch Elemente der Gruppenförderung auf eine breitere Grundlage gestellt
werden. Und viertens: der innerregionale Wissenschaftlerdialog ist
nachhaltig zu stimulieren. Nicht in der unsäglichen Form der Beschäftigung mit
bilateralen Wechselbeziehungen, wie sie in sozialistischer Zeit Mode war, wobei
alle "heiklen" Themen ausgeklammert oder ideologisch kanalisiert wurden.
Sondern in Form eines offenen und kritischen Dialogs zur Aufarbeitung des geistigen
Ballasts, der sich über Jahrzehnte hinweg angesammelt hat. Das wird ein
langfristiger und schmerzhafter Prozeß sein. Aber er ist unverzichtbar, denn
ohne ihn gibt es keine Stabilität, keinen dauerhaften Frieden und keine
Demokratisierung.
So
verständlich es ist, wenn der neue jugoslawische Präsident Kostunica die
Aussöhnung innerhalb der serbischen Gesellschaft an die erste Stelle rückt, -
ohne Vergangenheitsbewältigung und ohne die damit verbundenen
Auseinandersetzungen innerhalb der Gesellschaft wird und kann es keine
Demokratisierung geben. Das serbische Oppositionsbündnis steht an einem
Scheideweg. Und es kann die Entscheidung nicht allzu lange vor sich
herschieben. Das Parteienbündnis wird an der Aufarbeitung der Vergangenheit
früher oder später zerbrechen. Das ist normal. Und es muß kein Nachteil sein.
Denn jetzt muss zur Sprache gebracht werden, was die Katastrophe der letzten
Jahre herbeigeführt hat und was sich nicht allein auf die Person von Milosevic
reduzieren läßt. Das gilt auch für andere Teile des früheren Jugoslawien (und
darüber hinaus). Die Weichen müssen neu gestellt werden. Vor allem in den
Köpfen. Das ist die große Stunde der Wissenschaftler, unabhängig von der
jeweiligen Fachdisziplin. Sie sollten in diesem Prozeß an vorderster Stelle
stehen und das verwirklichen, was gelegentlich als "Wissenschaft in
aufklärerischer und emanzipatorischer Absicht" klassifiziert worden ist.
Geboren am
17.4.1942 in Berlin. Studium der Ost- und Südosteuropäischen Geschichte an der
Universität München. Promotion 1973; Habilitation 1982. Von 1973-1987
Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Hamburg, Göttingen,
und München. Seit 1988 Professor für Südosteuropäische Geschichte
am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin. 1997-00 Direktor des
Osteuropa-Instituts, seit 1998 Ko-Direktor des Zentrums für vergleichende
Geschichte Europas in Berlin. (Mit)Herausgeber mehrerer Buchreihen und Zeitschriften
zur Geschichte Osteuropas. Hauptarbeitsgebiete: Geschichte des Donau-Balkan-Raums (Schwerpunkt: 19./20. Jahrhundert); insbesondere
Nationsbildung und Nationalismus, Ethnische Konflikte; Wirtschafts- und
Gesellschaftsgeschichte, Sozialer Wandel.