Wolfgang Frühwald

Sprachen öffnen die Welt. Zur Funktion der Nationalsprachen als Sprachen der Wissenschaft

 

Wann immer in einem Gremium zur Vergabe von Stipendien oder Forschungspreisen über Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Natur- und Lebenswissenschaften beraten wird, lautet die erste Frage, die gestellt wird: Wie viele Publikationen in internationalen, referierten (also von Gutachtern auf ihre Qualität hin überwachten) Zeitschriften vorlägen, wie viele englischsprachige Publikationen sich demnach unter der Gesamtzahl der Publikationen befänden? Die Zahl der englischsprachige Publikationen in international anerkannten Zeitschriften (mit hohem "impact factor") entscheidet über das wissenschaftliche Ansehen chinesischer Forscherinnen und Forscher ebenso wie über das von Amerikanern, Franzosen, Deutschen, Ungarn und Israelis. Die englische "lingua franca" hat sich die Publikationswelt der Wissenschaft in weiten Teilen erobert, stärker und nachhaltiger als dies im europäischen Mittelalter die Sprache der Kirche und der Gelehrsamkeit, das Latein, jemals hatte tun können. Damals hat das Latein und die "Latinität" genannte Kultur einen ganzen Kontinent geprägt, das alte, von deutschen Kaisern symbolisierte Europa, dessen Strukturen heute unter den nationalstaatlichen Überschreibungen des 19. Jahrhunderts wieder sichtbar werden. Heute dagegen prägt die englische Wissenschaftssprache (in ihrer amerikanischen Variante) die weite Welt des Wissens in allen Ländern der Erde so intensiv, daß sich ein eigenes "BE" (das heißt "Broken English") genanntes, Wissenschaftsidiom gebildet hat. Ich habe chinesische und japanische Kollegen mit großem Engagement diese seltsame Sprachmischung verteidigen gehört. Sie habe ihnen Zugang gegeben zu der internationalen Wissenswelt, sie habe die wissenschaftliche Isolation der Länder der Bildzeichen-Schriften aufgebrochen, sie sei mit Recht die Sprache des Internet, also der internationalen elektronischen Kommunikation. Daß in der rasanten Ausbreitung dieser globalen Wissenschaftssprache nicht nur der Vorrang der amerikanischen Wissenschaftskultur, das an Amerika übergehende Definitionsmonopol der Begriffe abzulesen ist, sondern auch ein gewisser imperialer Gestus, wird in der Auseinandersetzung um Wettbewerb und Internationalität häufig übersehen. In den USA (und eben nicht nur in den USA) macht sich die Unlust breit, fremde Sprachen zu lernen, wenn "man" sich mit Englisch doch in jedem Winkel der Erde bewegen könne. In Großbritannien insbesondere wird der Nachteil des Englischen als Wissenschaftssprache auch dahingehend diskutiert, daß britische Forschungsgruppen meist später starten als andere, weil ihnen der Sprachvorteil einen Vorsprung verschaffe, den sich andere Nationalitäten erst erobern müßten. Dies alles ergibt ein kompliziertes Geflecht, das nicht vorschnell moralisch beurteilt werden darf. Es hat aber selbstverständlich auch soziale Ursachen und soziale Folgen. Sprachen nämlich sind, so hat sie Harald Weinrich definiert, "feinstrukturierte Sozialgebilde, die ihren Ort im Bewußtsein vieler Sprecher haben und sich nach den wechselnden Bewusstseinzuständen dieser Sprecher unaufhörlich verändern". An der Sprachentwicklung also ist der jeweilige Bewußtseinsstand großer Sprechergemeinschaften zu erkennen. Wenn eine Nationalsprache nicht mehr in der Lage ist, bestimmte Bereiche (zum Beispiel die der Lebenswissenschaften) zu benennen, kann diese Sprache einen Teil der Welt nicht mehr öffnen, die Türe zu einem wichtigen Ort der Welt bleibt ihr verschlossen.

Die Entwicklung des Englischen zur weltumspannenden Wissenschaftssprache ist eine relativ junge Erscheinung, welche durch die Vertreibung auch der Wissenschaftseliten aus dem von den Nationalsozialisten beherrschten Europa seit den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts nicht eigentlich bewirkt, sondern nur beschleunigt wurde. Seit dieser Zeit jedenfalls sind die USA unaufhaltsam zur bedeutendsten Wissenschaftsnation der Welt aufgestiegen, ist die Definitionsmacht für das gesamte Begriffsinstrumentarium der Lebenswissenschaften, weiter Teile der Natur- und Sozialwissenschaften, aber auch einzelner Gebiete der Ingenieur- und der Geisteswissenschaften an das Englische übergegangen. Im Lebenslauf junger Mediziner aus allen Teilen der Welt, im Lebenslauf von Biochemikern, Biologen, Neurowissenschaftlern etc. ist der Forschungsaufenthalt in den USA eine notwendige Stufe der Karrieretreppe. Ich habe in Neuseeland einen deutschen Gastwissenschaftler getroffen, der mit uns selbstverständlich in seiner und unserer Muttersprache gesprochen hat, dann aber, bei der Vorstellung seiner mikrobiologischen Forschungsresultate, gebeten hat, Englisch sprechen zu dürfen, weil ihm im Deutschen die nötigen Begriffe nicht zur Verfügung stünden.

Das war nicht immer so. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, und selbst zwischen den Weltkriegen, als Deutschland durch den Versailler Vertrag von der internationalen Wissenschaftskommunikation ausgeschlossen war, galt zum Beispiel das Deutsche in allen, auch und gerade in den naturwissenschaftlichen Fächern, als eine Sprache, die sprechen oder zumindest verstehen mußte, wer in Physik, Chemie, Mathematik und anderen aufstrebenden Fächern an der Weltspitze konkurrenzfähig bleiben wollte. Dabei hatte noch Goethe zurecht darüber geklagt, daß die Deutschen die Gabe besäßen, "die Wissenschaften unzugänglich zu machen". Er wurde von den wissenschaftlichen Kapazitäten seiner Zeit in seinen wissenschaftlichen Schriften nicht ernst genommen, weil er deren Forschungs-Jargon verschmähte. Eine wissenschaftliche Sprachkultur gab es zu seiner Zeit im Deutschen (und das ist mein naheliegendes Beispiel für National-Sprachlichkeit) kaum. Noch beherrschte ein formelhaft-spätscholastisches Latein den Forschungsdiskurs in Europa, nur die Sprache der Poesie hatte seit Klopstock, Herder und ihren Schülern auch im Deutschen gewaltige Fortschritte gemacht. In der schönen Literatur war jener "Wortschatz der Innerlichkeit" geschaffen worden, der die deutsche Dichtersprache über Pietismus und Reformation mit der deutschsprachigen Mystik des Mittelalters verknüpfte, in der Dichtung sprudelten die Quellen, die aus der griechisch-römischen Antike und dem deutschem Altertum Wortschatz, Syntax und Formensprache des Deutschen erneuerten. Dort wurden auch die Medien geformt, welche die im späten Mittelalter entstandene deutsche philosophische Begriffssprache an die idealistische Philosophie vermitteln. Aus Intensivierung, Abstraktbildungen und dem Wörterbuch einer "inneren Welt" entstand so das unverwechselbare Profil der deutschen Literatursprache. Dieser avancierten Sprachentwicklung hatte die Wissenschaftssprache lange Jahrzehnte nichts Gleichrangiges zur Seite zu stellen, so daß sie sich - und ihre gewiß nicht uninteressanten Gegenstände - von der öffentlichen Aufmerksamkeit auch während der beiden Leserevolutionen weitgehend selbst ausgeschlossen hat. Die deutsche Literatursprache galt als das Idiom der Gebildeten, die (nicht in Fachsprachen unterteilte) europäische und damit auch die deutsche Wissenschaftssprache war barock-scholastisch, lateinisch geprägt.

Noch Jacob Grimm durfte seine Göttinger Antrittsvorlesung im Jahre 1830 nicht "Über das Heimweh" halten, sondern mußte sie "De desiderio patriae" nennen. So ging er in lateinischer Sprache mit dem Gelehrtenidiom, das sich wie eine Hornhaut über Vaterlandsliebe und Heimatbewußtsein gelegt habe, scharf ins Gericht. In recht holperiger lateinischer Sprache dozierte er über das Heimweh des Gelehrten nach seiner Muttersprache; und "heimwehe" ist daher auch das erste deutsche Wort, das in dieser Rede erscheint. Die Heimat, so betonte der vom Heimweh nach seinem hessischen Vaterland geplagte Jacob Grimm, sei tief in unsere Seele gepflanzt, und jener Winkel, in dem wir das Licht der Welt erblickt hätten, lache uns vor allen anderen an. Nicht selten aber verwandle sich die Sehnsucht nach der Heimat in eine schwere Krankheit: "eamque in lingua praesertim varnacula nostra notionem animadverto vigere, quae, uti sensum quendam profundiorem vocabulis suis saepe admiscere assolet, cupidum illum patriae amorem pulcro nomine heimwehe appellare consuevit." (Ich bemerke, daß zumal in unserer Muttersprache dieser Gedanke kräftig hervortritt, die, wie sie ihren Wörtern häufig einen tiefen Sinn beizumischen gewohnt ist, die begierige Liebe zur Heimat mit dem schönen Namen 'Heimweh' zu benennen pflegt). In der das Latein Ciceros imitierenden Rede aber rezitierte Grimm dann wenige Zeilen später feierlich eine althochdeutsche Klage über die Trennung von der Heimat, wohl wissend, daß gerade diesen Text seine gelehrten Zuhörer nicht verstanden haben (und auch Sie werden ihn schwerlich verstehen):

    "wolaga elilenti
    harto bistu herti
    thu bist harto filu suar
    thaz sagen ich tir in alawar! ..."

Die deutschen Zuhörer Jacob Grimms also verstanden wohl, wenn ihr sich öffentlich in die Universität einführender Kollege in lateinischer Gelehrten-Sprache das Lob der Muttersprache (des Deutschen) sang, doch sie verstanden nicht, wenn er in der Sprache seiner und ihrer Vorfahren zu ihnen sprach. So demonstrierte Jacob Grimm, für jeden Zuhörer unmittelbar nachzuvollziehen, warum in Deutschland Heimatgefühl, Staatsgesinnung und das Bewußtsein, einer Sprach-, Rechts- und Kulturgemeinschaft anzugehören, nur in Ansätzen ausgebildet war. Die gemeinsame Sprache, und mit ihr Recht und Wissenschaft, welche 'Heimat' bedeuten könnten, war durch romanische Dialekte überformt. Das Volk war somit in solche geteilt, welche die Sprachen der Gebildeten: das Lateinische und das Französische, verstanden haben, und solche, die sie nicht verstehen konnten und es wohl auch nicht sollten. "Ich behaupte", meinte Grimm in dieser Rede, "daß ein Volk nicht wirklich gedeihen kann, das seine Muttersprache vernachlässigt, auch daß von einem Volk, das seine Freiheit verloren hat, die Sprache nicht verfeinert werden kann." Als Heimat also definierte der Begründer der wissenschaftlichen Germanistik Sicherheit, Geborgenheit, Rechtlichkeit und Verstehensfähigkeit, ein in Kindheit und Jugend grundgelegtes Urvertrauen, ohne das Identität und Kontinuität des menschlichen Lebens nicht entstehen können. Jacob Grimm hat in seiner Göttinger Antrittsvorlesung das Elend der europäischen Wissenschaftssprache und der in Standesdialekte geteilten Standardsprache in deutlichen Bezug zu dem politischen und dem sozialen Elend seiner Heimat gesetzt. Er hat auf das anschwellende Auswandererelend in der Zeit der Massenarmut hingewiesen und somit auch die wirtschaftliche Sicherheit in den Begriff der "Heimat" verbürgenden Rechtsordnung einbezogen.

Diese Rede also hielt Grimm zu einer Zeit, in der das Lateinische als gemeinsame Wissenschaftssprache der europäischen Völker längst auf verlorenem Posten kämpfte, als sein Freund und Mentor Alexander von Humboldt, ein vielsprachiger Naturwissenschaftler, den Grundstock einer nationalen Wissenschaftssprache in Deutschland gelegt hatte. Alexander von Humboldt nämlich hat die Sprache der deutschen Klassik und Romantik mit der naturwissenschaftlichen Beschreibungssprache verbunden und damit ein die gesamte wissenschaftliche und gebildete Welt des 19. Jahrhunderts faszinierendes Wissenschaftsidiom geschaffen. Humboldt, zwanzig Jahre jünger als Goethe und 16 Jahre älter als Jacob Grimm, fühlte sich sprachlich als ein Schüler Goethes. Nicht weil er dessen naturwissenschaftliche Erkenntnisse geteilt hat, sondern weil er die eigenen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in literarischer Sprache, in "klassischem Deutsch" zu vermitteln suchte. Humboldts bewußter Verzicht auf die Entwicklung einer eigenständigen naturbeschreibenden Fachsprache, auch der zu Beginn der Entwicklung einer modernen Naturwissenschaft noch mögliche Verzicht auf formalisiertes (mathematisches) Sprechen hat eine naturwissenschaftliche, an der Sprache Goethes und Schillers geschulte, Sprachkultur in Deutschland gestiftet. Diese hat über Hermann von Helmholtz, Max Planck und Werner Heisenberg – um nur wenige in der Nachfolge Alexander von Humboldts stehende, universal gebildete deutsche Naturwissenschaftler zu nennen – bis tief in das 20. Jahrhundert hinein nachgewirkt. Humboldt hat die Weite und die Einheit von Goethes Naturkenntnis bewundert. Er gehörte zu den wenigen Wissenschaftlern seiner Zeit, die Goethe auch als Erfahrungswissenschaftler anerkannt haben. Das eigene Denken hat er deshalb nicht von dem Goethes abhängig gemacht. Im Streit um die Vorherrschaft der Weltentstehungstheorien des Neptunismus oder des Vulkanismus waren Goethe und Humboldt später sogar wissenschaftliche Gegner. Goethe blieb bis ans Ende seines Lebens (1832) ein Neptunist, also ein Anhänger der Theorie der Weltentstehung aus dem Wasser und durch Sedimentierung, Humboldt aber hat die Anschauung feuer- und lava-speiender Vulkane in Südamerika zu einem überzeugten Vulkanisten, zum Anhänger einer Theorie der Erdentstehung aus Feuer und Lava, gemacht. Seiner Zuneigung zu Goethe und der Übernahme von dessen Gedanken, daß die Einheit des Wissens durch humane und verständliche Sprache geschaffen und erhalten werden könne, hat dies keinen Abbruch getan. "Überall", schrieb Alexander von Humboldt 1806, in Erinnerung an den Umgang mit Goethe und Schiller in Jena und Weimar 1797, "ward ich von dem Gefühle durchdrungen, wie mächtig jene Jenaer Verhältnisse auf mich gewirkt, wie ich, durch Goethes Naturansichten gehoben, gleichsam mit neuen Organen ausgerüstet worden war." In seinem großen Alterswerk, dem fünfbändigen "Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung" (1845 - 1862) hat er sich zur Darstellung naturwissenschaftlicher Sachsverhalte in literarischer Sprache bekannt: "Man hat vielleicht mit einigem Rechte wissenschaftlichen Werken unserer Literatur vorgeworfen, das Allgemeine nicht genugsam von dem Einzelnen, die Übersicht des bereits Ergründeten nicht von der Herzählung der Mittel zu trennen, durch welche die Resultate erlangt worden sind. Dieser Vorwurf hat sogar den größten Dichter unserer Zeit zu dem humoristischen Ausruf verleitet: 'die Deutschen besitzen die Gabe, die Wissenschaften unzugänglich zu machen'. Bleibt das Gerüst stehen, so wird uns durch dasselbe der Anblick des Gebäudes entzogen." Humboldt tadelte also, daß durch endlose Methodenbeschreibungen die Resultate verbogen, die Erkenntnisse so versteckt werden, daß die Methode zum Selbstzweck und ihre Beschreibung aufdringlich in den Vordergrund gerückt wird. Er selbst hat das Vorurteil unzugänglicher, in die Esoterik ihrer fach-, das heißt methodensprachlichen Geheimnisse eingeschlossenen Naturwissenschaft widerlegt. Er hat im "Kosmos" ein auch sprachlich "klassisches" naturbeschreibendes Werk vorgelegt und somit Goethes Maxime belegt, "wie der schon so lange geschichtete und rauchende Holzstoß durch einen ästhetischen Hauch zur lichten Flamme belebt werden könne".

Durch die Betonung des Grundsatzes der Zugänglichkeit, des Verstehens auch naturwissenschaftlicher Grunderkenntnisse, die zum Wissensbestand aller Gebildeten gehören, hat Goethe über Alexander von Humboldt und seine Schüler auch den naturwissenschaftlichen Diskurs des 19. Jahrhunderts angeleitet. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein gehörte es zu den vornehmsten, von der Fachgemeinschaft auch erwarteten Pflichten eines deutschen Physikers, irgendwann und irgendwo einen beachteten Aufsatz oder gar ein Buch - über Goethe geschrieben zu haben. Hermann von Helmholtz, Werner Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker haben es getan, von Max Planck ist wenigstens ein ungedruckter Goethe-Vortrag überliefert.

Aus dieser engen Verbindung der klassischen Literatursprache und der Beschreibungssprache der Naturwissenschaft entstand eine deutsche Wissenschaftssprache, die das Faszinosum des 19. Jahrhunderts und noch der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts gewesen ist. Sie war die Grundlage einer Wissenskultur, welche die von Wilhelm von Humboldt, von Schleiermacher und Fichte gegründete moderne Universität getragen hat, obwohl sie in Deutschland nie vollständig verwirklicht worden ist. Sie hat Wissenschaften, wie die Chemie, die Physik, die Psychologie, die Theologie, die Philologien, die Geschichte, so nachhaltig geprägt, daß sich noch heute eine Tabelle jener Wissenschaften aufführen ließe, in denen die deutsche Sprache eine einflußreiche Rolle oder überhaupt keine Rolle mehr spielt. Unter den Naturwissenschaften ist die Chemie noch immer jene Wissenschaft, in der deutsche Schul- und Sprachtraditionen eine führende Rolle spielen. Deutsche Lehrbücher der Chemie gelten als international konkurrenzfähig, während der Gesamtbereich der Molekularbiologie rein englischsprachig ist und auch deutsche Lehrbücher dieses Gebietes selbstverständlich in englischer Sprache erscheinen. Im Bereich der Geisteswissenschaften ist die Theologie wohl noch am stärksten durch deutschsprachige Publikationen geprägt, während die Theoretische Linguistik und insbesondere jene Fächer, die an der Grenze zwischen Natur- und Geisteswissenschaften arbeiten, auf deutsche Sprachtraditionen vollständig verzichten können. Daß mit der Sprachkultur der deutschen Universitäts- und Wissenstradition auch die Institution Universität in Schwierigkeiten geraten würde, daß die deutsche Universitätstradition, die eben aus der geschilderten sprachlich-ideellen Wurzel entsprungen ist, mit der Änderung der Sprache der englisch-amerikanischen College-Kultur weichen mußte, war vorauszusehen. Der heutige Umbau der Universitäten zur englischen Einheitsuniversität, mit den entsprechenden Prüfungen und Graduierungen (B.A., M.A., B.S., M.S. etc.), ist folgerichtig. Aber er beseitigt die Differenzqualität der deutschen Universität und wird keine einzige Studentin, keinen einzigen Studenten zusätzlich aus dem Ausland anlocken. Warum sollte ich in ein Land gehen, wo die englisch-amerikanische Universität nur imitiert und erst langsam aufgebaut wird, wenn ich doch auch in die Originalländer gehen kann?

Der bedeutsame Wandel von der vielsprachigen Wissenskultur, in der noch in den zwanziger Jahren in Europa (wie die berühmte Abhandlung von Karl Voßler Sprache und Wissenschaft belegt) zumindest Englisch, Französisch und Deutsch als gleichrangige, volltaugliche und miteinander in fruchtbarem Wettbewerb liegende Wissenschaftssprachen gegolten haben, zur englischsprachigen Einheitskultur ereignete sich in einem Vorspiel während der Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland und Europa, und dann während der experimentalistischen Wende seit der Mitte des 20. Jahrhunderts. In jenem grausigen Vorspiel, in dem die jüdischen Gelehrten von den Lehrstühlen deutscher Universitäten vertreiben wurden, in dem Wissenschaftler verfolgt wurden, weil sie die Relativitätstheorie (also eine "jüdische" Theorie) angewandt haben, in dem eine "deutsche Physik" gegründet wurde, in dem Randfächer zu ideologischen Zentraldisziplinen wurden, Rassismus und Biologismus zu "wissenschaftlichen" Methoden aufgewertet wurden, drang ein heimtückisch wirkendes Macht- und Rassendenken auch in scheinbar "wertfreie" Wissenschaften und Publikationen im Stile der alten Gelehrtentradition ein. Die Selbstzerstörung der deutschen Wissenschaftskultur – ein noch kaum untersuchtes Phänomen - ging mit der Zerstörung des Deutschen als seriöser, ernst zu nehmender Wissenschaftssprache Hand in Hand. Die Wissenschaftsfeindlichkeit des Nationalsozialismus, die leicht zu dokumentieren ist, kann als eine Folge der nihilistischen Geistfeindlichkeit des Nationalsozialismus überhaupt gesehen werden. Doch zu bedenken ist, daß sie sich in einem gewaltigen Rückstand Deutschlands in der Grundlagenforschung der experimentellen Fächern der Naturwissenschaften schon um 1942/43 sichtbar auswirkte. Es gibt Untersuchungen über die "LTI" (Lingua Tertii Imperii), es gibt ein Wörterbuch des Unmenschen und eine Fülle von Studien zum Verhältnis von Sprache und Gewalt, von Sprache und Politik, doch nur wenig Nachdenkliches über den Anteil der Wissenschaftssprache an der Sprache des deutschen Herrenmenschen. Albrecht Goes, der im Februar 2000 gestorbene deutsche Dichter, hat den Anstoß seines Werkes 1980 daraus erklärt, daß er erschrocken sei bei dem Gedanken, daß "alle die Todesverfügungen (Heydrich, Eichmann und - andere) geschrieben wurden in der Sprache, in der ich denke, spreche, schreibe und träume. Diese Schauder entgegen habe ich erzählt ...". Für die Wissenschaftssprache stehen das Erschrecken und seine Konsequenzen noch aus.

Erst die experimentalistische Wende in den Naturwissenschaften aber, seit etwa 1953, das heißt seit der Entdeckung und Beschreibung der Doppelhelix, hat die Verdrängung des Deutschen und aller anderen Nationalsprachen als Wissenschaftssprachen in der Konkurrenz mit dem Englischen vollendet. Die seither explodierenden Molekularwissenschaften, die sich heute in den Leitwissenschaften von Genbiologie und Hirnforschung zeigen, sind in einem internationalen Netz organisiert, das weltweit ausgebreitet ist und durch elektronische Kommunikation immer dichter geknüpft wird. In diesem Netz gibt es weltweit einheitliche Methoden und Techniken, einheitliche Qualitätsstandards, einheitliche Qualitäts-Messungs- Methoden, international - auch in ihrem "ranking" - anerkannte Publikationsorte und -weisen und eine diesem Netzdenken und dieser Netzstruktur angemessene Sprache: das Englische (in der Form von BE). Daß es das Englische, nicht etwa das Spanische oder das Französische, ist, liegt nur daran, daß die USA die Möglichkeiten der Molekularwissenschaften rechtzeitig erkannt und massiv gefördert haben. Jene Agentur, welche die Biowissenschaften in den USA von allem fördert, die "National Insitutes of Health" (NIH), hatte im Jahr 2000 einen Etatzuwachs von mehr als 10% zu verzeichnen. Sie hat demnach mit einem Jahresetat von rund 17 Milliarden Dollar alle Konkurrenten auf der Welt weit hinter sich gelassen. Wer angesichts solcher Zahlen darüber jammert, daß die Nationalsprachen als Wissenschaftssprachen (zumindest in den genannten Gebieten) ausgedient haben, stellt sich nicht der neuen Wirklichkeit der in der Wissenschaft längst "einen" Welt. Die (reduzierte) englische Einheitssprache ist eben die Sprache dieser Welt, sie entspricht auch in ihrer Struktur den (notwendig) reduktionistischen Methoden, die in der experimentellen Molekularwelt verwendet werden. Die Gefahren, die von einer solchen Weltkultur ausgehen, liegen auf der Hand, wir haben sie soeben in ihrer scheußlichsten Form, im terroristischen Aufstand gegen die Einheitskultur erfahren. Ebenso liegen die Vorzüge auf der Hand: allgemeine Kommunikationsfähigkeit. Aber große traditionsreiche Kultursprachen, darunter auch das Ungarische und das Deutsche, werden in ihrer Ausdrucksfähigkeit derzeit eingeschränkt, haben keine eigenen Begriffe für Entwicklungen, Entdeckungen und Prozesse, die zukunfts- und menschheitsprägend sein werden.

Damit gerät jener Unterschied der Wissenschafts-Kulturen in den Blick, dessen Verständnis schwieriger zu werden beginnt, der aber zum Reichtum der Wissenschaftswelt gehört. Nicht zufällig hat Arno Borst die babylonische Sprachverwirrung, die vielsprachige und damit die vielgestaltige Welt, an den Anfang aller Kulturentwicklung gestellt. Zu diesem Problembereich gebe ich nur ein Beispiel aus der deutschen Literatur:

Der jung gestorbene deutsche Anatom Georg Büchner (181 - 1837) hat ein Drama geschrieben, in dem er die politische Phrase der Französischen Revolution zeitüberdauernd als den Inbegriff der Barbarei entlarvte: "Dantons Tod" (1835). Die erste, aus der Französischen Revolution 1789 hervorgegangene französische Republik berief sich in ihrer revolutionären Tradition bekanntlich auf die römische Republik. Diese bildete die geistige Basis, durch welche die neue Republik Tradition und damit Legitimität gewinnen sollte. Noch Napoleon hat die römische Kaiserzeit als die Basis seiner Herrschaft in Europa und der Welt beansprucht. Die Denkmäler der römischen Herrschaft in Europa ließ er ausgraben, um seinem Reich und seinen Eroberungen auch sichtbar eine Traditionsbasis zu geben. Für Büchner war dies nichts anderes als eine aus dem Theater übernommene Methode, die er als Mißbrauch der Sprache gekennzeichnet hat. In seinem Drama "Dantons Tod" werden so die Revolutionäre der ersten Stunde, die Dantonisten, von den Radikalen, den Jakobinern, ins Gefängnis geworfen und sehen zum ersten Mal das Elend der Gefangenen, das sie selbst mit herbeigeführt hatten. "Nicht wahr, Lacroix?" sagt nun einer der gefangenen Dantonisten zu seinem Freund, indem er die der Antike entliehene Sprache der Revolution parodiert:

"Die Gleichheit schwingt ihre Sichel über allen Häuptern, die Lava der Revolution fließt, die Guillotine republikanisiert! Da klatschen die Galerien und die Römer reiben sich die Hände, aber sie hören nicht, daß jedes dieser Worte das Röcheln eines Opfers ist. Geht einmal euren Phrasen nach, bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden. Blickt um euch, das alles habt ihr gesprochen, es ist eine mimische Übersetzung eurer Worte ..."

Das war die große Entdeckung Georg Büchners, daß sich die Sprache verselbständigen kann, daß die inhaltsleere Formel sich gegen ihre Sprecher erheben kann. Er entdeckte, daß die Phrase wie ein Gespenst die Welt überziehen kann, die ihr verblendet auch das Feld der Handlung überläßt. Im Drama von "Dantons Tod" werden die Anhänger Dantons zusammen mit ihrem Anführer hingerichtet und versuchen, nun sogar den eigenen Tod im Wechselspiel mit den Zuschauern als eine theatrale Handlung zu inszenieren. Sie sterben, wie sie gelebt haben, in einer Scheinwelt. Doch das Drama endet nicht mit der Hinrichtungsszene, sondern mündet in einen stillen und leisen Schluß. Lucile, die Geliebte des soeben hingerichteten Camille Desmoulins, sitzt auf den Stufen des Blutgerüstes und singt ein altes Volkslied:

"Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,
Hat Gewalt vom höchsten Gott.
Du liebe Wiege, die du meinen Camille in den Schlaf gelullt, ihn unter deinen Rosen erstickt hast. Du Totenglocke, die du ihn mit deiner süßen Zunge zu Grabe sangst.

(Sie singt.)

Viel hunderttausend ungezählt,
Was nur unter die Sichel fällt.

(Eine Patrouille tritt auf.)

Ein Bürger: He wer da?
Lucile: Es lebe der König!
Bürger: Im Namen der Republik. (Sie wird von der Wache umringt und weggeführt.)"

Auf dem Höhepunkt von Robespierres Herrschaft verwendet diese junge Frau, die nur noch eine Sehnsucht kennt, die, ihrem Freund nachzusterben, die politische Parole, das längst reaktionäre Kennwort der Monarchie "Vive le roi!" (Es lebe der König!), zum Bekenntnis ihrer Liebe. Diese Parole gibt ihr den Tod, sie wird verhaftet und als Konterrevolutionärin hingerichtet! "Es lebe der König!" sagt Lucile und spricht tatsächlich, für jeden Leser und Zuschauer des Dramas verständlich, zu dem toten Camille: "Ich liebe dich so, daß ich dir in den Tod nachfolgen werde. Es lebe der König (meines Herzens)!" Dieses Wort der Lucile, ihre Sprachrevolution, mit der politische Sprache zur Sprache der Liebe wird, hat Paul Celan (ein deutschsprachiger Dichter aus Rumänien) das "Gegenwort" genannt. Dieses Gegenwort aber zeugt inmitten des Propagandalärms, still und leise, am Ende eines politischen Dramas von der Gegenwart des Menschlichen.

Das kleine Beispiel belegt, daß die Geisteswissenschaften, die Sprach- und Literaturentwicklungen durch viele Jahrhunderte hindurch verfolgen. Sprache nicht nur als Gegenstand der Untersuchung, sondern auch als Instrument der Untersuchung verwenden. Wissenschaften, deren Erkenntnisziel in der Darstellung der sprachlichen Entwicklung eines Verständniszusammenhanges liegt, brauchen substantiell einen andere Fachsprache als experimentelle Naturwissenschaften. Alle Kultur- und Geisteswissenschaften (im weiteren Sinne alle theoretischen Wissenschaften) haben es mit Sprache zu tun. Diese Wissenschaften haben im Unterschied zum ergebnis-orientierten Wissenschaftsbegriff moderner Naturwissenschaften einen prozeßhaften Wissenschaftsbegriff. Das heißt: ihre Ergebnisse liegen der Ergebnisbeschreibung nicht voraus, sondern entstehen erst im Prozeß des differenzierten Schreibens. Sie sind sprach- und stilgebunden und daher nicht ohne weiteres in eine lingua franca zu übertragen. Die moderne Wissenschaftsentwicklung in Europa konnte erst beginnen, als sich das ausgehende Mittelalter von der lateinischen Gelehrtensprache zu trennen begann und die Differenzqualität, die Ausdrucksstärke der frischen und wissenschaftlich unverbrauchten Volkssprachen entdeckte. Wenn also die Geisteswissenschaften auch heute an nationalsprachlichen Traditionen festhalten, so sind sie deswegen nicht weniger modern als etwa die Lebenswissenschaften, sie sind lediglich wissenschaftlich anders verfaßt. Sie haben eine eigene Wissenschafts-Kultur, die verhaftet ist in der prozeßhaften Verfassung ihrer Arbeitsmethoden und ihrer Arbeitssprachen. Die Geisteswissenschaften sind den umgekehrten Weg gegangen wie die modernen Naturwissenschaften. Sie haben sich von der lingua franca (dem Lateinischen) gelöst und haben die unverbrauchten Kräfte der Nationalsprachen entdeckt, die sie auf dem Wege einer Jahrhunderte dauernden Entwicklung zu Kultur-, Begriffs- und Wissenschaftssprachen gemacht haben. Die Faszination der europäischen Universität bestand in dieser sich heute lösenden Verbindung prozeßhaft verfahrender Geistes- und resultathaft verfahrender Naturwissenschaften. Die Minderwertung der Geisteswissenschaften wird erst enden, wenn die Gleichrangigkeit beider Kulturen, die der vielsprachigen Geisteswissenschaften und die der einsprachigen Naturwissenschaften in ihrer Eigentradition wieder anerkannt werden. Werden die Eigentraditionen nicht anerkannt, wird die Welt der Wissenschaft veröden, stirbt die kreative Phantasie aus.

Allerdings öffnet sich zur Zeit ein Fenster, aus dem zu schauen sich lohnt, weil es die Zukunft der nationalen Wissenschaftssprachen, des Deutschen wie des Ungarischen, nicht nur auf Teilbereiche der Geistes- und Sozialwissenschaften beschränkt, sondern die Notwendigkeit sprachlicher Vielfalt auch und gerade in der Naturwissenschaft verdeutlich. Aus diesem Fenster ist das Ende der Vorherrschaft des theorielosen Experimentalismus in den Lebenswissenschaften in Umrissen zu sehen, ist der Übergang selbst der Molekularwissenschaften zum Systemischen zu erkennen. Beim Blick aus diesem Fenster wird deutlich, wie sich alle Bestrebungen des Wissens in der Möglichkeit des Entwurfs einer zusammenhängenden (konsistenten) Evolutionstheorie einander nähern. Wenn es gelingen sollte, eine solche Theorie zu entwerfen – und an vielen Orten der Welt beginnen die Wissenschaftler davon zu träumen -, dann werden gerade die vielen unterscheidenden Sprachen in ihrer Entwicklung, ihren Variationen und Strukturen nicht nur Erkenntnisziel der sicher hoch komplexen Theorie sein, sie werden auch als ein variantenreiches, aber immer sensibles und erkenntnistiefes Instrumentarium am Gedankengebäude einer solchen Theorie mitbauen müssen. Es ist nutzlos, die Anglizismen der Standardsprachen heute zu tadeln, Vereine zur Sprachreinigung zu gründen und (wie es in Deutschland geschieht) Kampagnen gegen die angeblichen Sprachverderber zu veranstalten. Im Bereich der Molekularwissenschaften ist die englische Einheitssprache eine nicht mehr rückführbare Notwendigkeit. Die Nationalsprachen aber als Wissenschaftssprachen trotzdem konkurrenzfähig zu halten, damit sie bei den anstehenden Theoriedebatten ihren nicht zu kleinen Teil selbstbewußt und hilfreich beitragen können, ist ein noch kaum bewußtes Ziel. Die Geisteswissenschaften und die theoretischen Sozialwissenschaften zusammen haben noch kein Bewußtsein davon entwickelt, welcher großen, nur gemeinschaftlich zu bewältigenden Aufgabe sie sich hier zu stellen haben. Es wird eine Aufgabe sein, welche Europa (welche vermutlich sogar die Welt als ganze), aber in der Vielheit der Sprachen und Kulturen fordert. Denn die Sprachen öffnen das Fenster zur Welt, auch und gerade zur Welt der Wissenschaft.

Hinweise:

Die Übersetzung von Jacob Grimms Göttinger Antrittsvorlesung zitiere ich nach folgender Ausgabe: Jacob Grimm: De desiderio patriae. Antrittsrede an der Göttinger Universität, gehalten am 13. November 1830. Faksimile-Ausgabe mit einer Übersetzung und einem Nachwort hg. von Wilhelm Ebel. Kasel 1967.

Zum Thema verweise ich auf Harald Weinrich: Wege der Sprachkultur. Stuttgart 1985, sowie Wolfgang Frühwald: Die Sprache der Wissenschaft. In: Werner Köhler (Hg.): Was kann Naturforschung leisten? Vorträge anläßlich der Jahresversammlung vom 21. bis 24. März 1997 zu Halle (Saale). Halle 1997, S.383-396 (Nova Acta Leopoldina. Neue Folge Nummer 303, Band 76).

Professor Wolfgang Frühwald
Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung
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