Julius M. Moravcsik Natur- und Geisteswissenschaften in der Gegenwart
Vor etlichen Jahrzehnten hat der englische Schriftsteller C.P. Snow ein Essay mit den Titel "Two Cultures" geschrieben. Darin hat er vorgeschlagen, diese beiden Kategorien - Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften - deutlich voneinander zu trennen. Die Diskussion über diese These dauert noch immer an. In diesem Aufsatz möchte ich die These von Snow philosophisch analysieren, woraus folgen wird:
1) Es gibt keine scharfe Trennung der beiden Kategorien. Sowohl hinsichtlich der Methodologie und des jeweiligen Begriffschatzes der beiden Bereiche findet man Unterschiede aber auch wichtige Ähnlichkeiten. 2) Wenn man sich auf das Verständnis der menschlichen Natur konzentriert, sieht man, daß Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften ohne Zweifel notwendig sind, und daß beide im gleichen Maße fundamental sind.Zuerst beschäftigen wir uns mit den Unterschieden, die viele wichtig finden. Man sagt oft: "Die Naturwissenschaften haben die Augen auf die Zukunft gerichtet, die Geisteswissenschaften aber blicken rückwärts in die Vergangenheit." Zugegebenerweise sind diese Beobachtungen nicht von der Hand zu weisen. Eine der wichtigen Aufgaben der Naturwissenschaften ist das Voraussagen der Zukunft. Und das macht die Geisteswissenschaft freilich nicht. Sie versucht, uns die geistige Vergangenheit zu beschreiben und damit einen Hintergrund zu präsentieren, der einen Kontext zum Verständnis der gegenwärtigen geistigen Situation darstellt. Das wiederum macht die Naturwissenschaft nicht.
Aber es gibt auch wichtige Ähnlichkeiten. Die Naturwissenschaften haben natürlich auch die Aufgabe, die Natur zu verstehen. Verstehen und Voraussagen sind in der Geschichte jedoch nicht immer gleichzeitig anzutreffen. So hatte man zum Beispiel in der Astronomie bereits gute Sternkarten, als die Forscher noch nicht wußten, was Sterne eigentlich sind. Man kann das auch in der Medizin sehen. Richtige Beobachtungen werden früher gemacht; eine ausreichende Theorie über den Körper wird allerdings erst später erarbeitet. Man kann den Drang nach Verständnis als etwas den Natur- und Geisteswisssenschaften Gemeinsames beschreiben. Was ist das Verständnis? Ist es identisch in den beiden Bereichen? Diese Frage ist schwer zu beantworten, weil der Begriff des Verständnisses fast ummöglich scharf zu formulieren ist. Darum sieht man auch wenig über dieses Thema in den philosophischen Schriften der Gegenwart. Statt dessen hört man mehr über Information. Dieser Begriff ist viel leichter zu handhaben. Aber trotzdem bleibt die Tatsache, daß man ohne das Verständnis die Arbeit der menschlichen Vernunft nicht ausreichend bescheiben kann.
So wie die Naturwissenschaften nicht allein in die Zukunft blicken, schauen die Geiteswissenschaften nicht nur zurück die Vergangenheit, sie helfen aber eben dadurch - manchmal mit Kritik, manchmal mit Lob - uns die Gegenwart zu interpretieren.
Kreativität ist ein anderer wichtiger Punkt bei unseren akademischen Tätigkeiten. Auch hier sehen wir, daß es beide Kategorien betrifft, allerdings nicht in derselben Struktur. In der Naturwissenschaft bedeutet Kreativität nicht nur das Einführen von verschiedenen neuen Begriffen, sondern auch, alte Strukturen auf neue Art und Weise zu untersuchen und zu formulieren. In diesen Wissenschaften ist es selbstverständlich, daß man Regeln und Gesetze nicht einfach wegwirft, wenn sie nutzlos geworden sind, sondern man strebt danach, sie durch neue zu ersetzen. Die menschliche Vernunft formuliert Regeln und versucht immer, das Einzelne mit Hilfe des Allgemeinen zu erklären. Das neue Element in unserer Vernunft ist nicht das Chaotische, sondern das neue Regelmäßige.
Mit der Kunst und den Geisteswissenschaften war es früher auch so. Die menschliche Vernunft kann man auf dem Gebiete der Geisteswissenschaften ebenso gebrauchen wie in den Naturwissenschaften. Es gibt aber Einschränkungen. In den Geisteswissenschaften haben wir keine Experimente, wie sie Euklid in die Geometrie einführte, und die dann auch von der Physik und von anderen Wissenschaften übernommen wurden. Leider ist das heute umstritten. Wenn man sich von objektiven Werten trennt, dann wird plötzlich etwas wertvoll, was eigentlich nur neu ist. Ob man auf dieser Basis eine ausreichende Ästhetik aufbauen kann, das wird noch zu zeigen sein.
Die Erklärungen bezüglich des Wesens unserer Objekte, ob sie nämlich eine humanistische oder eine naturwissenschaftliche Rolle spielen, sind ähnlich. Wir wollen damit nicht nur Information geben, sondern auch Einsicht und Erklärungen vermitteln. Was ist nun im allgemeinen eine ausreichende Erklärung? Diese Frage hat man leider bis jetzt noch nicht beantwortet. (In meinem letzten Buch habe ich unter anderem auch Gründe für die These angeführt, daß wir das menschliche Verständnis vielleicht nie ganz begreifen werden.)
Kürzlich habe ich in einem Vortrag die Geschichte der Philosophie mit Hilfe des Vergleichs vom Brückenbau darzustellen versucht. An einem Ufer steht das Altertum, z. B. die griechische Philosophie. Dieser Punkt bleibt stabil. Am anderen Ufer aber finden wir die Gemeinschaft, zu der man die Brücke baut. Dieser Punkt wechselt ständig, weil die "Brücke" für jede Generation teilweise anders gebaut werden muß, so daß jeder in seinem eigenen Kontext das Altertum verstehen kann. Darum gehört die Aufgabe, die Geschichte der Philosophie des Altertums zu beschreiben, zu dem, was Karl Jaspers "The Perennial Scope of Philosophy" nannte.
Etwas ähnliches findet man aber auch, wenn man die Aufgaben der Naturwissenschaften betrachtet. In einer gesunden Gemeinschaft haben die Mitglieder ein Recht, an der Regierung der Gemeinschaft teilzunehmen. Das hat aber nur dann Sinn, wenn die Mitglieder die Probleme und die vorgeschlagenen Lösungen verstehen. Diese Beobachtungen führen zu der Konklusion, daß jeder einzelne in einer Gemeinschaft etwas über die Naturwissenschaften (und auch über viele andere Gebiete) wissen sollte. Dazu brauchen wir Bücher, die uns auch als "Brücken" dienen: von der Naturwissenschaft zu den Mitgliedern der Gemeinschaft im allgemeinen. Auch in diesem Fall gilt es, daß das Bauen der Brücke eine Aufgabe ist, die unendlich lange dauert, weil der intellektuelle Kontext der Mitglieder von Zeit zu Zeit wechselt.
Wir sehen also in diesem Zusammenhang Ähnlichkeiten und doch auch Unterschiede.
Jetzt aber kommen wir zu einem Thema, das uns einen tiefen Unterschied zwischen den beiden Kategorien zeigt. In den Geisteswissenschaften ist es wesentlich, daß man mit dem Begriff einen Akteur beschreiben soll. Ein Akteur in unserem Sinne muß Entscheidungen treffen, und um das gut fertigzubringen, muß er unter verschiedenen Möglichkeiten wählen. Dies wiederum setzt voraus, daß im Rahmen der Ziele des Akteurs und seiner Einstellung wichtige moralische und praktische Werte existieren. Also wenn wir in diesem Sinne einen Akteur - sei es Hamlet oder Ödipus - beschreiben, dann sind die Hauptteile solcher Darstellungen Ziel, Charakter, der Gebrauch der Vernunft und Gefühle gegen- und füreinander, die über den Egoismus hinausgehen. Philosophen nennen diese Begriffe "intentional". Das heißt, man kann sie nicht reduzieren auf bloßes Verhalten ("behaviour") und auf kausale Verbindungen zwischen körperlichen Teilen der Menschen. Ziel und Freiheit gehören nicht zu einer wissenschaftlichen Beschreibung. Die Medizin studiert unsere körperlichen Teile und gibt uns Erklärungen dazu in Form von Kausalketten. Die Geisteswissenschaften geben uns Darstellungen von den Schwierigkeiten, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Diese beiden unterschiedlichen Arten von Erklärungen sind miteinander nicht inkompatibel, aber beschreiben verschiedene Aspekte der menschlichen Existenz.
Diese Beobachtungen führen uns zu den wichtigsten Eigenschaftender Geisteswissenschaften. Das Argument, das ich hier leider nur alseine Skizze anbieten kann, lautet folgendermaßen:
a) Es gibt Begriffe, die man genau definieren kann, ohne daß man ein Verständnis von der Geschichte des Begriffes zu erwarten hat. Solche Begriffe sind meistens in den Naturwissenschaften anzutreffen. In denGeisteswissenschaften finden wir viele Begriffe, die man nur dann ausreichend verstehen kann, wenn man die Entwicklung des Begriffes kennt. Deshalb ist es in den Geisteswissenschaften notwendig, die relevanten Gebiete der Geschichte der humanistischen Begriffe zu kennen und verstehen. b) Darum ist das Studium der klassischen Sprachen, besonders Griechisch, ein wichtiger Teil einer umfassenden humanistischen Bildung. c) Wie schon früher argumentiert wurde, sind die Geisteswissenschaften ebenso wichtig und fundamental wie die Naturwissenschaften. Nehmen wir als ein Beispiel den Begriff der Tugend. Eine Tugend ist ein hervorragender Teil des guten Charakters. Dabei muß aber klar sein, was mit "hervorrragend" bezeichnet und "Charakter" genannt wird. Aber auch diese Begriffe ändern sich, und zwar zusammen mit dem Begriff "Tugend", der sich von "arete" zu "virtus"und dann zu "Tugend" modifizierte. Nur wenn man diese Entwicklungen sieht, hat man einen guten Begriff der Möglichkeiten, was man an einem Menschen als das am meisten Menschliche schätzen soll. Man kann dasselbe an Begriffen wie das Ästhetische oder die Weisheit zeigen. Heute gibt es leider "Gelehrte", die all dies nicht wissen und wie Platon und Aristoteles das Ästhetische ohne eine spezielle ästhetische Fakultät lehren.Warum ist dann das Griechische so wichtig? Weil wir in dieser Sprache die Ausdrücke für die Bausteine finden, aus deren Kombinationen die Strukturen des guten Akteurs und Eigenschaften wie das Feine oder das Schöne spezifiziert sind. Ohne dieses Wissen betrachten wir das Gute im menschlichen Potential ebenso oberflächlich, wie man von einem Eisberg nur die Spitze über dem Wasser sieht.
Der Unterschied zwischen den beiden Spezifika der Begriffe ist wichtig. Aber wir müssen auch im Auge behalten, daß die beiden Kategorien sich aufeinander stützen. Wir können die Medizin nicht beschreiben ohne den Begriff der Gesundheit. Aber dieser Begriff, wie wir das schon bei Platon und Aristoteles gesehen haben, ist notwendigerweise normativ und kann nicht auf rein quantitative Begriffe reduziert werden.
Auf der anderen Seite muß aber auch bemerkt werden, daß die humanistischen Begriffe auch der Begriffe aus den Naturwissenschaften bedürfen. Wie könnte man barmherzig sein gegenüber einem anderen Mensch ohne die Kenntnis von Begriffen wie Schmerz oder Verletzung?
Noch eine philosophische Bemerkung sei zu diesem Thema erlaubt. Manchmal haben Philosophen geglaubt, daß die begriffliche Trennung zu ontologischen Konsequenzen führt, z. B. zum Dualismus (Descartes). Das ist aber nicht der Fall. Wir beschreiben hier einen begrifflichen Unterschied, und der ist ganz neutral hinsichtlich solcher ontologischen Theorien, wie Materialismus oder Dualismus.
Professor Julius M. Moravcsik Department of Philosophy Stanford University Stanford, CA 94305-2155 Adresse ab 1. Oktober: c/o Collegium Budapest H-1014 Budapest, Szentháromság u. 2.