Einführung
Herausragenden Intellektuellen wird es zuteil, daß sie die Entwicklung eines Wissenschaftsbereiches, den technischen Fortschritt beschleunigten, und sich so der Erinnerung und der Wertschätzung der Nachwelt sicher sein können. Es ist das Privileg der Wissenschaftsbereiche, daß die Erinnerung an einen ausgezeichneten Vorgänger Quelle neuen Wissens, der Betrachtungsweise wird und gleichzeitig Anregung ist, auf die neuen Herausforderungen der Wissenschaft zu reagieren.
Vor 120 Jahren wurde Tódor Kármán, einer der größten Wissenschaftler aller Zeiten, geboren, der in mehreren Wissenschaftsbereichen zu den Großen gerechnet wird. Tódor Kármán wird weltweit mit Recht als Begründer des Überschallflugwesens betrachtet, erzielte daneben aber auch in der Strömungslehre, in der Festigkeitslehre sowie auf den Gebieten der Kristallphysik und der Verbrennungswissenschaft bedeutende Ergebnisse.
Die wissenschaftlichen Aktivitäten Kármáns waren sehr vielseitig, in Wirklichkeit war er ein Renaissance-Wissenschaftler der Neuzeit, was durch seine vielseitige und beeindruckende Persönlichkeit nur unterstrichen wird. Vielleicht ist es keine Übertreibung hier zu formulieren, daß unter den Wissenschaftlern, die je gelebt haben, er derjenige war, bei dem die wissenschaftliche Betrachtungsweise am engsten mit einem Gefühl für die Praxis verbunden war. Kármán war in erster Linie Theoretiker, sah sich aber oft praktischen Fragestellungen gegenübergestellt, die nur durch das Aufdecken der grundlegenden Zusammenhänge und deren Anwendung zu lösen waren. Kaum hatte er seine theoretischen Ergebnisse formuliert, schon suchte er nach Möglichkeiten, diese in der Praxis anzuwenden. Sein ganzes Lebenswerk, seine wissenschaftliche "ars poetica" wird am besten durch seinen oft zitierten Ausspruch charakterisiert: "Nichts ist praktischer, als eine gute Theorie".
Daneben war er ein ausgezeichneter Lehrer und Wissenschaftsorganisator, dessen Name und Andenken weltweit von wissenschaftlichen Preisen und Instituten bewahrt wird. Ein weiterer, für uns wichtiger Gesichtspunkt ist, daß Kármán zwar im Ausland, vor allem in Deutschland und in Amerika gelebt und gearbeitet hat, sich doch stets als Ungar angesehen hat.
Des 120. Jahrestages der Geburt dieses großen Wissenschaftlers und dieser großen Persönlichkeit wurde am 24. Mai 2001 an der Budapester Technischen und Wirtschaftswissenschaftlichen Universität gedacht. Die Universität, an der Tódor Kármán Student, Lehrer und später Ehrendoktor war, und die Kommission für Strömungslehre und Wärmetechnik der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, die in ihm den größten ungarischen Wissenschaftler dieses Fachbereiches ehrt, unterstützte mit Stolz und Freude diese Veranstaltung. Der Lehrstuhl für Strömungslehre der Budapester Technischen und Wirtschaftswissenschaftlichen Universität, dessen Windkanallabor nach Tódor Kármán benannt wurde und dessen früherer Inhaber, Herr Professor József Gruber, im Jahre 1962 als Rektor die Verleihung der Ehrendoktorwürde an Tódor Kármán vorgeschlagen hatte, sah es als Ehre an, die Festveranstaltung gemeinsam mit der Ungarischen Kommission für Verbrennungswissenschaften organisieren zu dürfen.
Die Feier findet ihre besondere Aktualität in der Tatsache, daß sich Ungarn als Mitglied der NATO in der Zeit um die erwähnte Veranstaltung verpflichtet hat, das in der Nähe von Brüssel durch die Mitgliedstaaten der NATO unterhaltene und auf Vorschlag von Tódor Kármán ins Leben gerufene postgraduale Forschungsinstitut, das Von Karman Institute, zu unterstützen. Damit wird ermöglicht, daß junge ungarische Wissenschaftler und Experten auf dem Gebiet der Strömungslehre in einem Forschungsinstitut von herausragendem Niveau in internationalen Forschungskollektiven an Diplomkursen und postgradualen Forschungen teilnehmen können.
Die Karriere von Tódor Kármán, die durch die Übernahme der höchsten amerikanischen Auszeichnung für wissenschaftliche Leistungen, der Nationalen Wissenschaftsmedaille, aus den Händen von Präsident Kennedy ihre Krönung fand, begann in Ungarn. Hier wurden die stabilen Grundlagen gelegt. Seine Persönlichkeit als Wissenschaftler bildete sich in Deutschland heraus, viele seiner bis heute nachwirkenden wissenschaftlichen Ergebnisse erzielte er in diesem Land. Er promovierte in Göttingen, die Rheinisch-Westphälische Technische Hochschule Aachen, eine der besten technischen Universitäten Europas, benannte einen Hörsaal nach ihm, die Stadt Aachen gab einer Straße seinen Namen. Tódor Kármán war einer der bedeutendsten Wissenschaftler, der in seinen Studien und im ersten Teil seines wissenschaftlichen Lebensweges die wissenschaftlich-technische Kultur Deutschlands und Ungarns auf hohem Niveau miteinander verband, ineinander integrierte. Auch deshalb entschied der Humboldt-Verein Ungarn, in der vorliegenden Ausgabe der HUMBOLDT NACHRICHTEN die auf der anläßlich des 120. Jahrestages der Geburt von Tódor Kármán organisierten Festveranstaltung gehaltenen Vorträge zusammengefaßt zu veröffentlichen.
Aus Anlaß der Gedenkveranstaltung für Tódor Kármán wurde die Einrichtung der Webseite des Forums für Strömungslehre (http://www.aramlastan.hu) bekannt gegeben, deren Aufgabe es ist, die Kommunikation der ungarischen Experten für Strömungslehre zu unterstützen und dem interessierten Publikum die Strömungslehre nahezubringen.
Sándor Dóbé Vorsitzender der Ungarischen Verbrennungswissenschaftlichen Kommission János Fischer Präsident des Humboldt-Vereins Ungarn Tamás Lajos Universitätsprofessor Budapester Technische und Wirtschaftswissenschaftliche Universität Lehrstuhl für Strömungslehre.