VIP - Very Intelligent Persons
Der Neue Pester Lloyd
21-27. November 2001.
8. Jahrg./Nr. 47
VIP - Very Intelligent Persons
Humboldtianer trafen sich in Budapest
Der Jahresetat der Humboldt-Stiftung betrug 2000 über 84 Mio. DM - eine Summe, von der nicht wenig der äußerst bescheiden dotierten ungarischen wissenschaftliche Forschung zugute kommt. Eine Reihe von
angehenden und arrivierten Wissenschaftlern erhielten unlängst den Wolgang-Paul-Preis der Stiftung in Höhe
von 4.5 Mio. Mark, darunter auch der ungarische Biologe Ferenc Nagy, dem es damit möglich wird, seine
Forschungsprojekte in Deutschland voranzutreiben.
VIP heißt unter den Humboldtianern nicht very important, sondern Very Intelligent Person, hörten wir von Prof.
Wolfgang Frühwald, der nach Budapest kam, um das zehnjährige Jubiläum des Humboldt Vereins in Ungarn mitzufeiern. Mit ihm kam auch der Generalsekretär, Manfred Osten, ein alter Bekannter für viele, da er 1976-
1980 an der Botschaft der Bundesrepublik in Budapest tätig war.
Bildungsminister József Pálinkás und der deutsche Botschafter Wilfried Gruber eröffneten an der Akademie der
Wissenschaften die zweitätige Konferenz zum Thema "Information - Wissen - Gesellschaft". Frühwald, ein
Germanist, sprach in seinem Festvortrag über ein Thema, das die Ungarns besonders berührt: über die (eher
trübe) Zukunft der kleinen Sprachen in einer wissenschaftlichen Welt, in der sich zum Beispiel die Intellektuellen Niederlande ebenso auf Englisch verständigen wie auch viele deutsche Gelehrte diese Lingua
franca der Wissenschaft nutzen - weil die Fachausdrücke in der Muttersprache eben nicht existieren ...
Im übrigen seien zwei Drittel der rund 20.000 Humboldtianer aus 138 Ländern Naturwissenschaftler. Aber
immerhin steht nach einer Reihe von Nobelpreisträgern in Physik und Biochemie mit dem Münchner
Literaturhistoriker Prof. Frühwald zum ersten Mal ein Geisteswissenschaftler an der Spitze der renommierten
Institution.
Wie wir erfahren, wurden bereits zwei Jahre nach der Neugründung der Stiftung 1925 auch Stipendien an
Ungarn vergeben, ebenso dann nach der Neugründung 1953. Besonders bei der Weiterbildung der Rechts- und
Geschichtswissenschaftler habe die Stiftung eine besonders wichtige Rolle vor, während und nach der Wendezeit gespielt. Prof. László Sólyom, der erste Präsident des Verfassungsgerichts, und einen Reihe seiner
Kollegen erhielten die Gelegenheit zum Studium des deutschen Verfassungsgerichts, wodurch dann auch weitgehend die Gesetzgebung der ungarischen Demokratie geprägt wurde. Im allgemeinen soll die Stiftung eine
ähnliche Rolle in der Transformation der ganzen Region gespielt haben - daher wurden auch zur Budapester
Konferenz viele Teilnehmer aus den Nachbarstaaten geladen. Auch im Zeichen der lebenslangen Kontakte dieser besonderen "VIPs": Humboldtianer finden wir heute überall in Führungspositionen in den neuen Demokratien -
Bande, die nicht unterschätzt werden sollten.
Der Chronist ungarischer Belange konnte wiederum nur mit etwas Neid vernehmen, wie die aus Steuermitteln großzügig finanzierte deutsche Stiftung bemüht ist, im Wettbewerb der Welten um die besten Köpfe die besten jungen (und auch nicht mehr so jungen) Kräfte durch entsprechend angesetzte Stipendien zu locken. So sollen ab
2002 monatliche Stipendien zwischen 2.000 und 3.000 Euro angeboten werden, nicht zu reden von
Sondermöglichkeiten, wie dem Paul-Preis, der dem Träger ermöglicht, eine ganze wissenschaftliche Schule auszubauen.
Ungarischer Biologe wird "Millionär"
Umso erfreulicher, dass unter den 70 Kandidaten deutscher Forschungsinstitute der Ungar Dr. Ferenc Nagy (48) auf Empfehlung der Universität Freiburg einer der 14 Paul-Preisträger wurde. Dr. Nagy studierte an der Attila
József Universität in Szeged, promovierte 1981 und arbeitete seither am dortigen Biologischen
Forschungszentrum und an der Agraruniversität in Gödöllo, im Ausland an der Rockefeller University in New
York, sowie am Friedrich-Miescher-Institut von Basel. Der Pflanzenbiologe erforscht Steuerungsmechanismen,
durch die Veränderungen des Umgebungslichts die Entwicklung und das Wachstum höher entwickelter Pflanzen
beeinflussen. Ziel der Forschungsarbeit ist die Beschreibung der Prozesse auf molekularer Ebene, durch die der
Umgebungsfaktor Licht zu einem Steuerungsfaktor wird, und die Charakterisierung der Art, wie dieses Signal
transportiert wird und schließlich das Aussehen der Pflanzen prägt, wie wir sie in Wäldern, auf Feldern und
Gärten sehen. Nicht zuletzt kann Dr. Nagys Forschung zur Optimierung des Anbaus landwirtschaftlich wichtiger
Nutzpflanzen durch die Verminderung einiger ihrer Nachteile durch moderne Biotechnologie beitragen.
2001. 12. 7.