10 Jahre Humboldt-Verein Ungarn

Der Neue Pester Lloyd
14-20. November 2001.
8. Jahrg./Nr. 46

Eugen Christ:

10 Jahre Humboldt-Verein Ungarn

Einige Gedanken zum Jubiläum


Ohne Wenn und Aber üben runde Zahlen auf Menschen unseres Kulturkreises eine besondere Faszination aus. Der Vorgang muß tief im menschlichen Unbewußten verankert sein, denn das Auf- und Abrunden gehört zur natürlichen Bemühung einer Entität, sich als Relevanz zu definieren. Es heißt, sich in eine bestimmte Ordnung einzufügen, sich ihr zu bekennen, sich dadurch existentiell zu bestätigen. Es ist die Suche nach einer eigenen Identität, der archetypische Drang, sich zu behaupten. Der Versuch, "den Kreis zu schließen" (die Sprache lügt nicht!), ist gleichzeitig nichts anderes als der Vorgang universalen Strebens nach diesbezüglicher Vervollkommnung und Vollendung. So kommt ein Jubiläum allein im Zusammenhang mit dem Adjektiv "rund" zustande, ein mythischer Hauch ständig wiederkehrender Annahme, sich förmlicher Erfüllung freuen zu müssen. So ist diese Feierlichkeit, die eigentlich zum Ursprung, zum Anfang des Gefeierten "rund" knüpft, nichts anderes als förmlicher Anlaß einen "Kreis" symbolisch zu schließen, die Gegenwart auf den Anfang zu beziehen.

Die zwischen dem 15. und 17. November 2001 in den Räumlichkeiten der Ungarischen Akademie der Wissenschaften am Roosevelt tér in Budapest unter der Schirmherrschaft des ungarischen Ministers für Bildung, József Pálinkás, und des deutschen Botschafters in Budapest, Wilfried Gruber, stattfindende 2. Ungarische Humboldt-Konferenz ist der erlesene Rahmen, in dem gleichzeitig an das 10jährige Jubiläum des Humboldt-Vereins Ungarn erinnert werden soll. Eine Jubiläumskonferenz, die durch einen Festvortrag "Sprachen öffnen die Welt. Zur Funktion der Nationalsprachen als Sprachen der Wissenschaft" des Präsidenten der Alexander-von-Humboldt-Stiftungeröffnet wird. Der Titel wiederspiegelt bereits einen wesentlichen Teil der Ziele und Ideale, der sich die Humboldt-Stiftung, implizit der Humboldt-Verein Ungarn, seit Jahren in ihren Bemühungen verschrieben haben: Wissenschaft für eine freie, offene Welt. Es sei an dieser Stelle erlaubt, den Zusammenhang auch auf den allgemeinen kulturellen Kontext der Gegenwart zu erweitern und auch in diesem Sinn die 10jährige Existenz des Humboldt-Vereins Ungarn zu würdigen.

Wir leben heute in einem Kulturkreis, dem sog. westeuropäischen, dessen Gesellschaft die wesentlichen existentiellen Probleme grundsätzlich gelöst hat. Die Kultur des Konsums, einschließlich des Bestrebens unbeschwerten Daseins prägen das gesellschaftliche Erscheinungsbild der Gegenwart. "Leben Sie, um den Rest kümmern wir uns", ist der Werbeslogan existentieller Dienstleistungen. Massenkonsum beruht auf Unbeschwertheit, dementsprechend wird alles darauf abgerichtet und eingeschworen. Er leitet implizit eine eigene Form gesellschaftlicher Massenemanzipation ein, die utilitaristisch geprägte Kultur des Abkoppelns von der Substanz. Erfolg läßt sich allein am Gewinn bestätigen, die Leichtigkeit des Seins wird zum Ideal, das "Haben" (Erich Fromm) zum Mythos, der Anspruch auf die Inanspruchnahme zur Selbstverständlichkeit. All des führt in der Täuschung gesellschaftlicher Normalität zur geistigen "Anästesie" (Wolfgang Welsch) und werden dem kritischen Bewußtsein entzogen. So kann die Kultur nicht mehr ihren sinngemäßen Weg bestreiten und die Mentalität prägen. Eine "umgekehrte" gesellschaftliche Entwicklung setzt ein, die eine Mentalität entwickelt, die ihre Kultur prägt. Unter diesen Umständen war es weniger eine Geschmacklosigkeit, viel mehr, ein bestätigendes Symptom im Goethe-Jahr 1999 die Frage zu stellen, ob man in der heutigen Zeit Goethe noch "brauche", ob Kultur als Bildung im klassischen Sinne weiterhin notwendig sei.

Die interkulturellen Folgen offenbaren sich nicht allein im Zuge der Globalisierung. Die verschiedenen historischen Kontexte, geoklimatischen Lebensräume und die unterschiedlichen "Tempi", die die Entwicklungsdynamik einzelner Kulturen bestimmten, haben sie schon lange verschärft. Denn daraus ergibt sich nicht allein die kulturelle Vielfalt sondern auch die Asynchronie kultur-historischen Daseins der Gegenwart. Die Neigung, den sog. westeuropäischen Kulturkreis zu missionieren, die auf technische Überlegenheit begründete Überheblichkeit, die auf augenblickliche Interessen beruhende Rücksichtslosigkeit im Umgang mit den "Anderen", die im Sein und Dasein einen anderen Sinn sehen und entsprechend ihren Lebensraum zu gestalten pflegen, haben diese aus ihrem natürlichen Gleichgewicht gebracht. Sie haben sie ihrem Wesen beraubt, durcheinandergebracht, implizit entfremdet. Der versprochene Segen mündete in gesellschaftlicher Verwirrung, Massenarmut, Frust und Misere. Eine Kultur, die sich ihrer Grundlagen beraubt, mißbraucht und gefährdet fühlt, reagiert. Sie versucht den selbstverständlichsten Weg natürlicher Regeneration zu bestreiten, zurück zu den eigenen Wurzeln zu finden, um wieder zu einer Identität wachsen zu können. Das alles konnte bisher stets ignoriert oder verdrängt werden, bis der 11. September 2001 auf grausamste Art und Weise die ganze Welt wachgerüttelt hat. An diesem Datum kann nichts mehr schön- oder vorbeigeredet werden. Und es darf auf keinem Fall dieses Geschehen allein einer Asynchronie kultur-historischen Daseins der Gegenwart zu Lasten gelegt werden. "Die Wirklichkeit ist der Trümmerhaufen eines Traumes", so der rumänische Philosoph und Dichter Lucian Blaga.

So führt dieser Gedanke im Kontext dieses 10jährigen Vereinsjubiläums ungarischer Humboldt-Stipendiaten auch unmittelbar zu Dürrenmatts Physiker. Es geht dabei nicht allein die Gefahr, daß jeder Esel, ohne etwas von Elektrizität zu verstehen, das Licht andrehen kann. Es geht auch um einen gesellschaftlichen kulturellen Aspekt, dem gesellschaftlichen Kulturkitsch, der Selbstverständlichkeit der Inanspruchnahme und des Handelns ohne etwas davon zu verstehen bzw. ohne sich überhaupt zu bemühen, etwas darüber zu wissen oder erfahren zu wollen. Unter diesen Umständen ergibt sich sowohl im gegenwärtigen intrakulturellen als auch im gegenwärtigen interkulturellen Kontext mehr denn je die unabdingbare Notwendigkeit gesellschaftlicher Kulturpflege, ein programmatisches Bekenntnis zu dem, was mit dem

Der Begriff "Humboldtianer" vereinigt sinngemäß ohne „Ansehen von Rasse, Religion, Geschlecht oder Weltanschauung" Wissenschaft und Kultur. Ein Verein bestätigt sich in der Interessenvertretung seiner Mitglieder. Es liegt auf der Hand, daß es der kulturelle Aspekt ist, der trotz verschiedener, unter Umständen entgegengesetzter Fachrichtungen die Mitglieder des Humboldt-Vereins Ungarn zusammen gebracht hat und verbindet. Jedoch nicht unmittelbar durch das was Kultur für den Augenblick ist oder sein könnte. Es ist das Bewußtsein dessen, was Kultur bewirken kann, daß Kultur wirken kann.

Die Kommunikation, der gegenseitige Informationsaustausch definieren das Lebendige. So ist es kein Zufall, daß ich Goethe und das Goethe-Jahr im kulturellen Kontext gesellschaftlicher Gegenwart aus Anlaß des 10jährigen Jubiläums des Humbolds-Vereins in Ungarn erwähnt habe. In Erinnerung habe ich noch das 1999 erschiene Goethe-Heft der Humboldt Nachrichten. Anlaß der Herausgabe war zweifellos das Goethe-Jahr. Das Besondere dabei war jedoch nicht ein reiner Pflichtakt, über Goethe zu schreiben. Es war viel mehr, Goethe und Ungarn, Goethe in Ungarn, auch wenn Goethe keine Verbindungen nach Ungarn hatte. Nur ein scheinbares Paradoxon. Denn es war der Versuch interkulturellen Dialogs, ein Akt, der auch wenn im kleineren Rahmen durchgeführt, beweist, das Kultur trotz scheinbarer nicht "materiell" vorhandener Zusammenhänge durch ihr Wesen harmonisiert und verbindet. Sie besitzt die Kraft, ganz andere Zusammenhänge von sich aus zu schaffen. Dafür brauchen wir Goethe, dafür brauchen wir auch den Humboldt-Verein Ungarn, dessen 10jähriges Jubiläum gefeiert wird und gefeiert werden muß.

Betrachtet man die Geschichte des Vereins, so stellt man fest, daß es sich nicht allein um Goethe und Ungarn handelt, sondern viel mehr, um die ständige Bemühung, in diesem Sinne die deutsche und ungarische Kultur im lebendigen Zusammenhang zu bringen und zu präsentieren. Es geht um die konsequente Pflege synergetischen Dialogs als Kulturakt. So haben die ehemaligen Humboldt-Stipendiaten Ungarns, den Sinn und Zweck des gewährten Stipendiums auch über den Forschungsaufenthalt in der Bundesrepublik Deutschland weit hinaus, gerade durch dieses Bemühen, "den Austausch und das interkulturelle Verstehen" zu pflegen, erfüllt und dadurch ihre eine eindeutige Identität gefunden. Der Anlaß ihr Jubiläum zu feiern, der Anlaß dem Verein und seinen Mitgliedern zu gratulieren, der Anlaß, der den Verein auch in Zukunft empfehlen und bestätigen kann.



(leicht gekürzt)
Der Author ist Geschäftsführer der Donauschwäbischen Kulturstiftung Baden-Württenberg.

2001. 12. 7.